Lebenswege -

Erlebnisse verändern Extremsportler Stephan Büchler: "Ich bin ein Powermensch"

Vom unorganisierten Jugendlichen zum erfolgreichen Extremsportler – so in etwa könnte man die Geschichte von Stephan Büchler zusammenfassen. Hätte es da nicht drei Jahre gegeben, die sein Leben komplett verändert haben.

Lebenswege_Mountain Bike

Machen ist sein Ding. Stephan Büchler steht ständig unter Strom, Stillsitzen fällt ihm schwer. Im Totenkopf-Hemd und weiten Jeans schwingt er sich auf sein Mountainbike und führt mal eben einen Trick vor -  einen Wheelie. Dabei ist die Geschichte, die ihn zu der Person hat werden lassen, die er heute ist, schicksalhaft.

Das was er gedacht hat, als  ihm die Ärzte die Diagnose "Krebs“ mitgeteilt haben, kommt überraschend. "Ich habe die immer reden lassen und nicht für voll genommen“, sagt der oberschenkelamputierte Extremsportler. In den darauf folgenden drei Jahren war der damals 15-Jährige immer wieder im Krankenhaus. Sämtliche Behandlungen ließ er über sich ergehen - eineinhalb Jahre lang erhielt er die falsche Therapie.

An einem Donnerstag vor rund 17 Jahren teilten ihm die Ärzte schließlich mit, dass sie sein Bein oberhalb des Knies amputieren müssen. Bis zur Operation quälte sich Büchler eine Woche lang mit dem Gedanken, künftig nur noch mit einem Bein durchs Leben zu gehen. Das war die schlimmste Woche seines Lebens. Immer noch fehlen ihm die passenden Worte, um diese Situation zu beschreiben.

"Geht nicht" gibt es nicht

Doch von Groll oder Frustration, die man nach solch einer Krankheitsgeschichte vermuten könnte, ist bei Büchler nichts zu spüren. "Ich bin da blauäugig rangegangen und das war mein Glück“, erzählt der heute 32-Jährige rückblickend. Kurz vor und nach der Amputation hatten ihm alle gesagt, was er in Zukunft nicht mehr machen wird können. Auch die hat Büchler nicht ernst genommen - glücklicherweise.

Denn ein Jahr später saß er schon wieder auf dem Rennrad. Schnell hat es Büchler dann zum Extremsport getrieben. Rund zehn Jahre nach der Amputation gewann er bei den Extremity Games, einem Extremsport-Wettbewerb für Amputierte, schließlich die Bronzemedaille im Mountainbiking - Downhill. 2011 und 2012 gewann er Gold. Die Reaktion ist abermals überraschend: Kein emotionaler Ausbruch im Sinne von "nun habe ich es doch noch geschafft“. "Als ich die erste Medaille um den Hals baumeln hatte, dachte ich: das wird auch Zeit“, erzählt der Mountainbiker.

Amputation hat Ehrgeiz geweckt

Nun ist der Sportler mit Erfolgen zunächst einmal gesättigt - was die Extremity Games angeht. Denn Büchler hat sich neue Ziele gesteckt. Der Weltrekord im "auf dem Hinterrad fahren“ (Wheelie) und die Teilnahme an den Paralympics mit dem Rennrad sollen es jetzt sein. Einen derartigen Ehrgeiz hatte Büchler nicht immer, der kam erst nach der Amputation.

Deshalb ist er jedoch nun der einzige Oberschenkelamputierte der einen Wheelie mit dem Fahrrad kann. Denn Leuten wie ihm geht mit der Amputation nicht nur ein Gliedmaß verloren, sondern auch das Körpergleichgewicht. Dass er diesen Trick drauf hat, ist er daher besonders stolz.

So wie der Extremsportler seine Geschichte erzählt, wirkt es, als hätten ihm die Krankheit und deren Folgen einen Motivationsschub gegeben und sein Leben verbessert. "Das Erlebnis ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Ich bin nie schlecht gelaunt oder böse und lebe jeden Tag intensiv“, erzählt der Wahl-Kieler. Seine Trainerin Franka Lenz habe dann dafür gesorgt, dass er sich professionell verhält und nicht zu viel feiert.

Hang zum Extremen

Seit der sportliche Erfolg da ist, ist der gelernte Orthopädietechniker viel unterwegs. Das gefällt ihm. Bereits kurz nach der Amputation war Büchler von zu Hause ausgezogen, um die Ausbildung zu beginnen. Seine Prothesen hat er von diesem Zeitpunkt an selbst gebaut. "Wenn du etwas Gescheites möchtest, mach es selbst", sagt er.

Heute ist er alle drei Monate auf einem anderen Kontinent unterwegs, gibt Seminare oder nimmt an Events teil. "Ich bin ein Powermensch“, sagt er von sich selbst. Das war er jedoch bereits vor der Amputation. Büchler hat immer viel Sport getrieben, als Jugendlicher vor allem BMX und Basketball. Der Hang zum Extremen scheint in ihm verankert zu sein.

Das Erlebte hat ihn natürlich geprägt, nicht nur was Berufswahl oder Ehrgeiz angeht. Für krebskranke Jugendliche, die ähnliches durchmachen wie er damals, stellt er sich als Ansprechperson zur Verfügung. Büchler nimmt sich ihren Problemen an und präsentiert sich gleichzeitig als Vorbild. Damit zeigt er: Das Leben ist nicht vorbei, nur weil man ein Glied verliert. "Mit zwei Beinen kann ja jeder“, sagt er. Diese Einstellung kauft man ihm sofort ab, denn der Tatendrang ist ihm, selbst wenn er nur spricht, förmlich ins Gesicht geschrieben.

"Frauen sind wie Katzen, Männer wie Hunde"

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© M. Schmidt

Dass er durch seinen Extremsport letztlich im Rollstuhl landen könnte, befürchtet Büchler nicht. "Man muss einfach gut vorbereitet sein, Angst ist da fehl am Platz“, so Büchler. Frauen könnten das einfach nicht so gut nachvollziehen, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen zu mir. "Ich sag mal: Frauen sind wie Katzen, die sich, bevor sie einen Baum hochklettern ganz genau anschauen, wo sie hin springen. Männer sind da eher wie Hunde, die einfach machen und dann auch mal runterfallen“, erklärt er und lacht.

Verletzungen kommen daher natürlich vor. So wie die, von der ihm eine etwa 20 cm lange Narbe am Unterarm geblieben ist. Auf eine Weise stolz, die ausdrückt: trotz meiner Krankheitsgeschichte kann ich Sport machen, bei dem ich mir solche Verletzungen hole, zeigt er sie her.

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