Unternehmensführung -

Nachwuchsgewinnung Heute handeln – morgen profitieren

Schreinermeister Udo Herrmann ist überzeugt: Handwerker finden gute Lehrlinge und können sie halten – trotz Fachkräftemangels.

Klingelt heute bei "Herrmann Parkett.Möbel.Räume" in Bürgstadt am Main das Telefon, sind es nicht selten Eltern, die sich um einen Ausbildungsplatz für ihre Kinder bewerben. "Unsere Azubis legen die Prüfungen mit besten Ergebnissen ab. Diesen Erfolg kommunizieren wir", sagt Inhaber und Schreinermeister Udo Herrmann. Seit sich sein Betrieb aktiv auf dem Arbeitsmarkt präsentiert, müsse er sich um den Nachwuchs keine Sorgen mehr machen.

Das war nicht immer so. Viele Erfahrungen, zündende Ideen und Maßnahmen waren nötig, um aus dem Handwerksbetrieb eine regionale Marke zu machen. Herrmann, Sohn eines Schreiners, lernt zunächst in einer Miltenberger Bau- und Möbelschreinerei. Als Geselle kehrt er in den Vater-Sohn-Betrieb zurück. Mit 23 Jahren legt er seine Meisterprüfung ab. Eine schwere Erkrankung zwingt den Vater zur Übergabe des Betriebs. Im Jahr 2000 ist Udo Herrmann Chef und trägt Verantwortung für einen Lehrling. Diese Startmannschaft hat der Unterfranke kontinuierlich auf heute zehn Mitarbeiter ausgebaut. Zur Schreinerei mit kompletter Raumgestaltung gesellte sich dann auch das Parkettleger-Handwerk.

Zauberwort Effektivität

In den Anfangsjahren belastet den Firmeninhaber vor allem der finanzielle Druck. Seine Familie hatte begonnen, eine große Ausstellungshalle zu bauen. Der Sohn investierte in EDV, den Fuhrpark, eine Web-Seite und moderne Messgeräte. "Unser kleines Team musste möglichst effizient arbeiten", erinnert sich Herrmann. Daraufhin stellte er Werkstatt und Arbeitsverhalten auf den Kopf. Effektivität und Struktur hießen die Zauberwörter. Für alle Tätigkeitsbereiche im Handwerksbetrieb entstanden Leitfäden, Checklisten und Arbeitsblätter. Beispielsweise für das Beladen des Firmenfahrzeugs: Handwerker werden nach Arbeitszeit bezahlt. Fehlen Werkzeug oder Material, gehen unnötige Fahrtzeiten auf Kappe des Betriebs. Die Liste half, an alles zu denken.

Das Resultat: Herrmann und seine Mitarbeiter konnten sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren und einen guten Job machen. Das sprach sich herum und sorgte für weitere Aufträge. Der Betrieb wuchs. Damit begann die eigentliche Herausforderung für den Inhaber: Lehrlinge und Gesellen finden und gute Leute halten. Struktur, gute Organisation und ungewöhnliche Einfälle waren die Erfolgsgaranten. Eine Checkliste für Vorstellungsgespräche erinnert an den freien Raum, bereitliegende Firmen-Infos und wichtige Fragen.

"Es geht um Dich!"

Stellenanzeigen aus dem Hause Herrmann enthalten nicht die üblichen Schlagwörter wie "engagiert, loyal, belastbar". Flott formuliert entsprechen sie den Wünschen der Jugendlichen: Es geht um Dich! Unser junges Team wartet auf Dich! Mach mit Deinen Ideen Karriere! Die Stellenanzeigen werden über regionale Zeitungen, Facebook und die Firmen-Web-Seite verbreitet. Am ersten Arbeitstag erhalten neue Mitarbeiter zusätzlich zu Shirt, Hose und Schuhen einen Hörschutz mit eingebautem Radio. "Das macht in der Berufsschule sofort die Runde", so Herrmann.

Auch in Sachen Trikotwerbung ging er einen anderen Weg. Viele Handwerksbetriebe sponsern den örtlichen Fußballverein, aber "wir übergeben die Trikots nicht auf dem Fußballplatz, sondern im Rahmen einer Betriebsführung. Das steigert den Bekanntheitsgrad und wir gewinnen vielleicht einen neuen Teamplayer", so Herrmann. Auf das Finden folgt bekanntlich das Binden. Als Familienvater weiß Herrmann, wie Jugendliche ticken und welche Vorstellung sie von ihrem Arbeitsleben haben. Geld steht dabei nicht im Vordergrund. Eigenes Werkzeug, Verantwortung und etwas Schaffen sind vorrangige Ziele.

Herrmanns Betrieb unterstützt diese Bedürfnisse beispielsweise mit Visitenkarten auch für Lehrlinge, einem eigenen Budget für Werkzeugbeschaffung, viel Eigenverantwortung und dem direkten Kontakt zum Kunden. "Firmenhandbuch und Leitfäden ­bilden den Rahmen, in dem meine Mitarbeiter selbstständig Entscheidungen treffen können", sagt Herrmann. Das "Erfolgskonzept für Handwerker" bezeichnet der Schreinermeister als sein Lebenswerk.

Davon können auch andere Handwerker profitieren. Als Autor lässt er Handwerkskollegen an seinen Ideen und Erfahrungen teilhaben. Im Dezember 2015 erschien sein Buch "Von Nichts kommt Niemand" (siehe Kasten). Mit der Ausbildung zum zertifizierten Berater und Coach bereitet er sich qualifiziert auf das Training in den Betrieben vor Ort vor.

Aufmerksamkeit erzeugen

Wenn im Jahr 2030 die sogenannten Babyboomer in Rente gehen, prognostizieren viele Beratungsunternehmen eine Knappheit der Talente. Die Konkurrenz zu anderen Branchen muss das Handwerk jedoch nicht bange machen. Den direkten Kundenkontakt, die solide Arbeit und das positive Image des Handgemachten sollten Betriebsinhaber nutzen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Herrmann ist überzeugt: "Wer es heute schafft, Lehrlinge und Gesellen zu finden und zu binden, der wird in Zukunft zu den Gewinnern gehören. Dann klappt es auch mit den Anrufen interessierter Eltern."

Buchtipp

Von Nichts kommt Niemand

In elf Kapiteln mit Überschriften wie "Hier gehörst Du hin!" oder "Darauf habe ich Bock!", gibt Autor und Schreinermeister Udo Herrmann in seinem Buch "Von Nichts kommt Niemand" Antworten auf die Frage, wie das Handwerk talentierte Nachwuchskräfte gewinnt und auch langfristig bindet.

Udo Herrmann: "Von Nichts kommt Niemand", Holzmann Medien, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-7783-1018-2, versandkostenfrei zu bestellen unter holzmann-medienshop.de

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