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Erste Effekte im Handwerk Girls' und Boys'Day: Raus aus der Berufswahlfalle

Mädchen machen sich auf den Weg. In drei Handwerksberufen mischen sie sich neuerdings verstärkt unter ihre männlichen Kollegen. Seit Jahren sollen Girls' und Boys'Days genau das bewirken. Doch es braucht viel Zeit, um die Rollenklischees bei der Berufswahl aufzubrechen. Dabei können gerade die jungen Frauen nur gewinnen.

2001 war der erste Girls'Day, zehn Jahre später gab es parallel den ersten Boys'Day. Über 1,6 Millionen Jugendliche haben in dieser Zeit an den Veranstaltungen teilgenommen, haben in Berufe geschnuppert, die für ihr Geschlecht eher untypisch sind.

Ganz allmählich zeigt das Engagement Wirkung, gerade im Handwerk. Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) beweist, dass sich vor allem in drei Handwerksberufen immer mehr Frauen in die Männerdomäne wagen: Im Beruf "Bäcker" stieg der Anteil junger Frauen zwischen 2004 und 2015 um 7,7 Prozent auf 25,9 Prozent, im Beruf "Maler und Lackierer" um 6,5 Prozent auf 15,9 Prozent und im Beruf "Tischler" um 5,0 Prozent auf 12,2 Prozent. Der Zuwachs des Frauenanteils bei den Bäckern ist sogar so groß, dass dieser Beruf inzwischen nicht mehr zur Kategorie der typischen Männerberufe mit mehr als 80 Prozent männlichen Beschäftigten gehört.

Handwerk über dem Durchschnitt

Allerdings liegt das Handwerk damit deutlich über dem Durchschnitt. In rund den 80 von 105 durch das BIBB untersuchten Männerberufen stieg der Anteil weiblicher Beschäftigter nur um etwa 0,2 Prozentpunkte pro Jahr. Bis 2015 addierten sich das auf durchschnittlich über zwei Prozent.

Umgekehrt hat bei den Männern noch weniger Veränderung im Berufswahlverhalten stattgefunden. Dies erklärt das BIBB auch mit der unterschiedlichen Gehaltsstruktur der Berufe. Typische Frauenberufe sind in der Regel schlechter bezahlt. Für junge Männer besteht also aus finanzieller Sicht keinerlei Anlass, über den Tellerrand zu blicken.

Für BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser zeigen die Ergebenisse, dass Initiativen wie der "Girls' und Boys'Day" Zeit benötigen. "Zwar stellen wir nach wie vor fest, dass viele Ausbildungsberufe einseitig von nur jeweils einem Geschlecht nachgefragt werden. Solchen Einseitigkeiten entgegenzuwirken braucht offenbar viel Geduld und Zeit. Andererseits zeigen die Ergebnisse aber auch, dass sich etwas bewegen lässt."

Stereotypen in der Berufswahl

Hintergrund der Girls' und Boys'Days ist das stereotype Berufswahlverhalten junger Menschen. Mehr als die Hälfte der Mädchen wählt aus nur zehn verschiedenen Ausbildungsberufen im dualen System. Darunter ist kein einziger naturwissenschaftlich-technischer. Die Mädchen schöpfen damit ihre Berufsmöglichkeiten nicht aus und den Betrieben fehlt gerade in technischen und techniknahen Bereichen qualifizierter Nachwuchs. Für junge Männer gilt Ähnliches, nur dass sie genau die typischen Frauenberufe meiden.

Im Ergebnis bedeutet das: Rund 60 Prozent aller in Westdeutschland beschäftigten Frauen arbeiten in Frauenberufen, Männer zu zwei Dritteln in Männerberufen. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB in einer Untersuchung von 2014 herausgefunden.

Fachkräftemangel und Geldmangel

Die Folgen einer geschlechtertypischen Berufswahl bekommen die Jugendlichen selbst, aber auch die Arbeitgeber zu spüren.

Frauen verdienen in Deutschland rund ein fünftel weniger als Männer, errechnet das Institut für Wirtschaftsforschung in Köln. Das habe mehr Ursachen als nur Babypausen und Teilzeitarbeit, so die Forscher. Es liege auch an der Berufswahl.

In Gesundheits- und Sozialberufen liegen die Löhne im Schnitt deutlich niedriger als zum Beispiel in Metall- oder Elektroberufen. Während ein Bauarbeiter im Jahresschnitt von 2013 rund 2.650 Euro verdiente, gingen Verkäuferinnen in Vollzeit im selben Jahr mit nur 1.900 Euro nach Hause.

Schon in der Ausbildung sind die Unterschiede enorm: Eine Auszubildende im Friseurhandwerk bekommt im ersten Ausbildungsjahr zwischen 214 und 394 Euro, abhängig von ihrem Wohnort. Elektroniker starten mit 550 bis 590 Euro monatlich in die Ausbildung.

Fachkräftemangel macht Problem deutlich

Für die Betriebe spielte es lange keine Rolle, dass sich nur ein Geschlecht für ihren Beruf interessierte. Es gab immer genügend Bewerber. Doch heute, in Zeiten des Fachkräftemangels, wäre mancher Elektrohandwerker glücklich über eine weibliche Auszubildende und Fleischereien hätten gerne Männer im Verkauf.  

Der Weg dorthin kann nur über immer neue Angebote führen. Girls' und Boys'Days können helfen, einen ersten Kontakt zu knüpfen. Längerfristige Engagements , beispielsweise Partnerschaften mit Schulen und Projekttage, wirken noch stärker.

Informationen zur Datenauswertung des BIBB gibt es hier.

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