"Wachstum muss jedes Land selbst ankurbeln" - Homepage - deutsche handwerks zeitung

Politik + Wirtschaft - 05.07.2012

Interview mit Steffen Henzel

"Wachstum muss jedes Land selbst ankurbeln"

Die Eurokrise spitzt sich zu, doch der deutschen Wirtschaft geht es blendend. Trotzdem warnt der IWF, dass wir bald eine böse Überraschung erleben könnten. Denn Deutschland sei viel zu abhängig vom Export. Wirtschaftsexperten wie Steffen Henzel vom Münchener ifo Institut warnen deshalb vor der Vergemeinschaftung der Schulden. Rutscht auch Deutschland bald in die Krise? - Von Jana Tashina Wörrle

fotomek/Fotolia
Gemeinsame Ausgaben ohne gemeinsame Einnahmen: Wenn die EU die Schulden der Krisenstaaten allen aufbürdet, könnte auch Deutschland stärker in den Abwärtsstrudel geraten.
ifo-Institut
Dr. Steffen Henzel ist Mitarbeiter am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München.

DHZ: Deutschlands führende Wirtschaftsforscher haben die Bürger zum Protest gegen die geplante Eurorettung aufgerufen wie sie in der vergangenen Woche beschlossen wurde. Sind die Abhängigkeiten zwischen den Euroländern zu groß geworden? Rutschen auch wir in die Krise?

Henzel: Die Gefahr ist groß, dass die Eurokrise durch die geplante Vergemeinschaftung der Schulden wie sie die Bankenunion vorsieht kein Ende finden wird. Wer ein Risiko eingeht, muss im Notfall auch dafür haften. Es kann nicht sein, dass Steuergelder aller für die Entscheidungen einzelner Bankmanager haften. Die krisengeschüttelten EU-Staaten müssen ihre Bankensysteme sanieren bevor sie einem gemeinsamen Einlagensicherungsfonds beitreten. Die Abhängigkeiten sind noch nicht zu groß, aber sie könnten es im negativen Sinn noch werden und dann geht es auch Deutschland nicht mehr so gut wie jetzt.

DHZ: Ist Deutschland zu abhängig vom Export? Wird dieser demnächst so massiv einbrechen wie der IWF es vorhersagt?

Henzel: Das Problem ist, dass die Staaten, die jetzt tief in der Krise stecken, das niedrige Zinsniveau der vergangenen zehn Jahre dazu genutzt haben, Schulden im Ausland aufzunehmen und Waren zu importieren. Der deutsche Export hat davon natürlich profitiert. Allerdings wurde im selben Maße den Abnehmerländern Kapital zur Verfügung gestellt, um deren Außenhandelsdefizit zu finanzieren. Natürlich ist der Export wichtig, aber derzeit investieren auch viele private Geldgeber lieber in Deutschland, weil hier die Wirtschaft stabil ist. Gleichzeitig kurbelt das zurückfließende Kapital aus dem Ausland hierzulande die Binnenkonjunktur an. Die Binnennachfrage stützt unsere Wirtschaft also genauso wie der Export.

DHZ: Also kann in Deutschland Ähnliches wie die anderen europäischen Länder nicht passieren?

Henzel: Momentan sind die Wirtschaft und Arbeitsmarkt stabil. Wenn man sich zum Beispiel die Bauwirtschaft anschaut, sieht man, dass viel investiert wird. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig und die Deutschen haben daher genug Geld und konsumieren viel. Die Binnennachfrage ist gut und deshalb merkt man hier nichts von der Krise. Jetzt kommt es darauf an, wie es mit der Schuldenunion weitergeht. Bei einer Vergemeinschaftung der Schulden würde weiterhin billiges Geld in die Krisenländer fließen, und es besteht die Gefahr, dass die notwendigen Anpassungsprozesse dort verschleppt würden. Deutschland würde dann langfristig gesehen ordentlich draufzahlen. Natürlich sind wir abhängig vom Export und dieser wird zurückgehen, aber die deutschen Unternehmen sind international sehr wettbewerbsfähig und haben ja auch viele Beziehungen zu Ländern, in denen keine Eurokrise herrscht.

DHZ: Mehr Europa oder weniger – was bringt langfristig Stabilität?

Henzel: Solange die Länder nicht bereit sind, nationale Kompetenzen abzutreten an die EU und zum Beispiel einen gemeinsamen Finanzminister zu wählen, solange darf man auch nicht über gemeinsame Schulden sprechen. So kann die Europäische Union nicht funktionieren. Wenn der Euro nicht zu retten ist, würde auch Deutschland große Probleme bekommen. Dann wird unsere Währung stark aufgewertet und der Export schwieriger. Stabilität bringt nur eine Eurorettung, bei der jeder für seine eigenen Schulden verantwortlich bleibt. Die europäischen Länder müssen wieder wettbewerbsfähig werden, sie brauchen eigene neue Wachstumsstrategien.

 

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Schlagwörter: Interview | Schulden
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