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Meisterinnen durchbrechen die Männerdomäne Internationaler Frauentag: Die weibliche Seite des Handwerks

Der Internationale Frauentag rückt alljährlich am 8. März die Rolle der Frau in der Gesellschaft in den Fokus. Im Handwerk ist das weibliche Geschlecht noch unterrepräsentiert – doch das Bild trügt.

Der Anteil der Frauen bei der Beschäftigung liegt im Handwerk mit 32,1 Prozent deutlich unter dem Wert für den gesamten Arbeitsmarkt (46,7 Prozent). Trotz dieser Zahlen, die eine Studie des Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Uni Göttingen offenbarte, bieten sich gute Karrierechancen. Und das nicht nur in Friseursalons oder Bäcker- und Fleischerläden. Auch in männerdominierten Berufen gehen Frauen ihren Weg und engagieren sich weit über ihren Job hinaus.

Die Obermeisterin

Sandra Wolf hält eine Frauenquote in der Wirtschaft für sinnvoll, obwohl sie selbst als Gegenbeispiel dienen könnte. Die Inhaberin eines Maschinenbaubetriebes mit 21 Mitarbeitern in Oppenweiler bei Stuttgart hat es als erste Frau in Baden-Württemberg an die Spitze einer Mechaniker-Innung geschafft. Vor mehr als drei Jahren wurde sie von ihren meist männlichen Kollegen im Rems-Murr-Kreis gefragt, ob sie nicht als Obermeisterin kandidieren möchte.

An der Innungsarbeit schätzt die 39-Jährige, die sich auch im Vorstand der Handwerkskammer engagiert, den Austausch unter den Kollegen, durch den zusätzliches Wissen vermittelt werde. Außerdem liegt ihr die Nachwuchswerbung am Herzen. So beteiligt sich die Mechaniker-Innung Rems-Murr an Ausbildungsmessen oder wirbt am Tag des Handwerks für ihre 40 Mitgliedsbetriebe. "Die Männer sind froh, wenn sich jemand engagiert“, sagt Sandra Wolf, die an der Hochschule Heilbronn Unternehmensführung und Fertigungsbetriebswirtschaft studiert hat und 2004 in den heimischen Familienbetrieb eingestiegen ist.

Vorbehalte gegen Frauen in der Metallbranche gibt es im Rems-Murr-Kreis offenbar nicht. Nach längerer Vakanz konnte auch der Posten des stellvertretenden Obermeisters wieder besetzt werden – mit Melanie Munk, der Juniorchefin eines Betriebs für Zerspanungstechnik in Fellbach.

Die Ausbilderin

Kathleen Kümpel hat schon als Kind in der Werkstatt ihres Vaters Nägel und Bretter geklaut, um sich im Garten ein Baumhaus zu bauen. "Ich war lieber mit Papa in der Werkstatt, als mit Mama in der Küche“, gesteht die 29-jährige Tischlermeisterin aus Meiningen. Heute leitet sie im Berufsbildungs- und Technologiezentrum Rohr-Kloster der Handwerkskammer Südthüringen Lehrlinge in der überbetrieblichen Ausbildung an. 90 Prozent ihrer Schützlinge sind männlich.

Kathleen Kümpel, Ausbilderin in der Tischler-Werkstatt des BTZ Rohr-Kloster

Für Kathleen Kümpel gab es nie einen anderen Berufswunsch, als Tischler zu werden wie ihr Vater Udo, der in Dermbach seine Werkstatt betreibt. Nach ihrer Lehre in der Tischlerei Ißbrücker in Pferdsdorf arbeitete sie in Österreich, lernte bei einem Ausstatter von Yachten die hohe Kunst des Innenausbaus. Danach heuerte sie im väterlichen Betrieb an, um nebenberuflich die Meisterschule im BTZ Rohr-Kloster zu besuchen.

Seit 2014 ist sie dort nun selbst als Ausbilderin tätig. Für die junge Mutter lassen sich so Familie und Arbeitszeit gut unter einen Hut bringen. Ob sie irgendwann die Werkstatt ihres Vaters fortführen wird, kann sie nicht sagen. Momentan gefällt ihr ihre Rolle als Lehrmeisterin: "Frauen eignen sich gut für die Ausbildung, weil wir mehr Geduld haben.“

Die Sachverständige

Petra Rolfsmeyer nimmt es sehr genau, nicht nur bei der Leitung der Firma Schiering Orthopädie-Schuhtechnik mit fünf Mitarbeitern in Meißen. Denn das fachmännische Urteil der Orthopädie-Schuhmachermeisterin ist auch gefragt, wenn Krankenkassen, medizinische Dienste oder Sozialgerichte an der Qualität der Arbeit ihrer Berufskollegen zweifeln. Seit 2007 tourt die 51-Jährige durch Sachsen, um bei Patienten die fachgerechte Ausführung orthopädischer Schuhe zu begutachten.

Petra Rolfsmeyer, Sachverständige im Orthopädie-Schuhmacherhandwerk

Wessen Arbeit sie da vor sich hat, weiß Petra Rolfsmeyer nicht. "Ich verfasse einen sachlichen Bericht, gebe aber kein Urteil ab“, sagt sie. Fünf bis sechs Fälle pro Jahr muss sie bearbeiten, wobei das von ihr betreute Gebiet immer größer wird, weil sich im Gesundheitshandwerk kaum noch Sachverständige finden. Petra Rolfsmeyer hat die nötige Weiterbildung schon vor Jahren absolviert und wurde von der Handwerkskammer Dresden öffentlich bestellt und vereidigt.

Ihren Sinn für Gerechtigkeit bringt die Orthopädie-Schuhmachermeisterin inzwischen nicht nur in ihrem Gewerk ein. Als Wirtschaftsmediatorin schlichtet sie seit zwei Jahren auch Konflikte aus anderen Bereichen mit dem Ziel, ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. "In 75 Prozent der Fälle funktioniert das“, weiß sie aus Statistiken. Sie selbst erfährt das Ergebnis ihrer Beratung nicht. Aber sie hat fast immer ein gutes Gefühl.

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Reporter der Deutschen Handwerks Zeitung berichten vom 8. bis 9. Dezember via Liveblog vom Deutschen Handwerkstag in Münster. Von der Wahl des ZDH-Präsidenten bis zum ZDH-Forum mit Angela Merkel – Bei uns verpassen Sie keinen Programmpunkt.
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