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Interview mit BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser "An den jungen Leuten liegt es nicht"

Warum Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener eine Ausbildung beginnen, erklärt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser im DHZ-Interview.

DHZ:  Herr Professor Esser, in der dualen Berufsausbildung sind junge Menschen mit Migrationshintergrund deutlich weniger vertreten als andere. Können wir uns das bei der Vielzahl nicht besetzter Lehrstellen noch leisten? 

Esser: Angesichts des demografischen Wandels und der Tatsache, dass immer mehr Jugendliche studieren wollen, können wir uns dies absolut nicht leisten. Gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen überwiegend jene Schulen, aus denen die Nachwuchskräfte für die duale Ausbildung rekrutiert werden.

DHZ:  Sind diese Jugendlichen zu wenig an der dualen Ausbildung interessiert oder zu wenig vorgebildet?

Esser: Am Interesse der jungen Leute liegt es nicht. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind genauso an einer dualen Ausbildung und einem erfolgreichen Abschluss interessiert wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Probleme gibt es besonders bei denjenigen, die über nur unzureichende Deutschkenntnisse verfügen. Dieses Sprachdefizit wirkt sich in der Folge auf das gesamte Leistungsvermögen aus und am Ende steht ein schlechter oder gar kein Schulabschluss.

DHZ:  Schauen sich die Chefs überhaupt die Noten an oder lassen sie sich nicht schon von einem ausländischen Namen abschrecken? 

Esser: Vorbehalte sind anscheinend da, denn selbst bei gleichen Leistungsvoraussetzungen haben Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich größere Schwierigkeiten, einen Ausbildungsbetrieb zu finden. Das ist ein großes Problem, das es zu lösen gilt. Denn wir wissen auch: Sind Jugendliche mit Migrationshintergrund erst einmal eingestellt, bestätigen Betriebe, dass sie in der Regel mit ihnen sehr zufrieden sind.

DHZ:  Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen öfters eine Berufsfachschule, bevor sie es beim zweiten Anlauf in eine Berufsausbildung schaffen. Könnte der gesetzliche Mindestlohn sie davor abhalten? 

Esser: Das könnte so sein. Wobei hier nicht der Migrationshintergrund ausschlaggebend sein dürfte, sondern eher niedrige Schulabschlüsse und damit verbundene Aussichten auf ein bestimmtes Berufswahlspektrum. Daher betrifft dies genauso auch deutsche Jugendliche.

DHZ:  Wie sieht es im Handwerk aus?

Esser: Konkrete Zahlen gibt es in der Berufsbildungsstatistik für Jugendliche mit ausländischem Pass. Hier zeigt sich, dass das Handwerk 2013 mit einem Anteil von 6,7 Prozent über dem Durchschnitt von 5,7 Prozent liegt. Industrie und Handel liegen bei 5,1 Prozent. Das zeigt, dass das Handwerk schon jetzt viel tut, damit diesen Jugendlichen der Einstieg in die duale Ausbildung gelingt. Nicht nur angesichts der Fachkräfteproblematik sollte es aber mehr
werden.

DHZ:  Schon jetzt gibt es viele verschiedene Maßnahmen, um Jugendliche mit Migrationshintergrund zu einem erfolgreichen Berufsabschluss zu verhelfen. Was hat sich wirklich bewährt?

Esser: Essenziell ist der rechtzeitige Spracherwerb. Bewährt haben sich darüber hinaus Bildungsketten und Berufsorientierung ab Klasse 7, die jetzt möglichst flächendeckend eingeführt werden sollen und die die Jugendlichen bis in die Ausbildung hinein begleiten. Ebenso setzen wir verstärkt auf die "assistierte Ausbildung". Sie unterstützt sowohl Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund als auch die Betriebe.

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