Lebenswege -

Lebenswege Ein Zweiradbetrieb auf vier Rädern

2006 ist für Tanja Knöfel ein Traum wahr geworden: Sie hat sich mit ihrer "mobilen Zweiradwerkstatt selbstständig gemacht. Dank ihrer Werkstatt auf vier Rädern gelingt es der Freiburgerin Familie und Beruf zu vereinbaren. Ihr Arbeitsplatz ist jeden Tag woanders.

Ein Zweiradbetrieb auf vier Rädern
Fahrendes Lager: Während der alte Mercedes schon als Oldtimer durchgeht, ist der Anhänger neu. Ihn nutzt die Zweiradmechanikermeisterin Tanja Knöfel als Lager oder für ihre Fahrrad-Aktionstage. -

Tanja Knöfel hat ein Faible für alte Dinge. Das ist gleich zu spüren, wenn man bei ihr zu Besuch ist. Mitten im Wohnzimmer, das die Unternehmerin manchmal auch als Büro nutzt, stehen eine weiß-blau leuchtende Aral-Zapfsäule, eine Musicbox, ein altes Schaukelpferd und ein antiker Küchenschrank.

Passender könnte deshalb auch ihr Lastwagen nicht sein: Ein 32 Jahre alter Mercedes Benz 508. Gekauft hat sie ihn einst für nur 2.600 Euro. "Ich wollte ­damals nicht so viel Geld ausgeben", rechtfertigt die Freiburgerin ihre Entscheidung für das Fahrzeug. Denn die alleinerziehende Mutter konnte nicht einschätzen, ob ihre Geschäftsidee  funktionieren würde. Noch heute ist der knallorangene Mercedes-Transporter, der mittlerweile als Oldtimer zugelassen ist, das Herzstück ihrer Firma: der "Mobilen Zweiradwerkstatt".

Ihre Ausbildung zur Zweiradmechanikerin hat Knöfel bei Fahrrad Metzger in Freiburg gemacht. Danach hat sie zwei Jahre als Gesellin gearbeitet, ihren Meister gemacht und schließlich war sie als Zweiradmechanikermeisterin in einem Fahrradgeschäft angestellt.

Schon damals hatte Knöfel den Traum, irgendwann einmal mit einer mobilen Fahrradwerkstatt den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. "Im Frühjahr konnte ich immer beobachten, wie Familien Wochenende für Wochenende ein Fahrrad nach dem anderen zur Reparatur brachten", sagt Knöfel. Das müsse nicht so sein, dachte sich die Freiburgerin immer wieder. Schließlich muss der Kunde mit einem kaputten Fahrrad nicht unbedingt in die Werkstatt kommen, die Werkstatt kann auch zum Kunden kommen.

Lange gehegter Traum wird endlich wahr

Dass sie ihren Traum verwirklichen konnte, hatte sie ihren eigenen Lebensumständen zu verdanken. 2006 kam ihre Tochter Paula gerade in den Kindergarten und die alleinerziehende Mutter konnte nur stundenweise in einem Fahrradgeschäft arbeiten. "Ich wollte wieder richtig in meinem Beruf arbeiten", sagt Knöfel. Doch das erschien ihr als Angestellte unmöglich: Denn den Kindergartenplatz für ihre Tochter bekam sie für den Vormittag, während ihre Arbeit im Fahrradgeschäft nur nachmittags gefragt war.

Da hörte die Zweiradmechanikermeisterin, dass die so genannte Ich-AG auslaufen sollte. So hieß damals der Gründungszuschuss, mit dem der Gesetzgeber die Existenzgründung von Arbeitslosen förderte. "Das war für mich der letzte Anstoß", sagt Knöfel.

Lkw Knöfel
© Foto: Anna-Maja Leupold

Sie lieh sich 2.600 Euro von ihrem Vater, kaufte dafür den Lastwagen und richtete auf der Ladefläche ihre Werkstatt ein. Mit dem Mercedes fährt Knöfel zu den Kunden nach Hause oder zu deren Arbeitsstelle. So ist ihr Arbeitsplatz jeden Tag woanders und sie kann immer wieder neue Eindrücke sammeln.

Knöfel repariert bei ihren Radfahrkunden platte Reifen, richtet "Achten", ersetzt Verschleißteile wie Bremsbeläge, Ritzel und Ketten, baut Fahrräder aller Art bei Bedarf um oder übernimmt die Inspektion im Frühjahr.

Kunden kommen aus der Nachbarschaft

Kunden von weiter weg sind selten. Das kommt der Zweiradmechanikerin gelegen, denn ihren Einsatzradius möchte sie möglichst klein halten. Schließlich lohnen sich kleine Reparaturen bei langen Anfahrtswegen kaum. Doch Knöfel hat Glück: "Meine Kunden denken für mich mit." Viele Kunden brächten ihr die kaputten Fahrräder zu Hause vorbei. Und einige Stammkunden, die weiter entfernt wohnen, organisierten sogar Reparaturgemeinschaften in der Nachbarschaft, damit sich für die Zweiradmechanikermeisterin die Anfahrt lohnt.

Wie viele Kunden die Freiburgerin hat, weiß sie nicht genau. Sie weiß nur, dass sie in der Saison so viele Anfragen hat, dass sie 24 Stunden am Tag arbeiten könnte. Wer sein Fahrrad im Frühling oder Sommer von der Zweiradmechanikermeisterin reparieren lassen möchte, muss schon mal mit einer Wartezeit von ein bis zwei Wochen rechnen.

"Irgendwann hatte ich das Gefühl, weder meinem Kind noch meiner Arbeit gerecht werden zu können."

Im ersten Jahr ihrer Selbstständigkeit hat sich Knöfel deshalb keine Pause gegönnt. "Irgendwann hatte ich das Gefühl, weder meinem Kind noch meiner Arbeit gerecht werden zu können", sagt sie. Daraus hat die Badenerin gelernt, eine Auszeit für sich und für die Tochter genommen.

Fahrradreparatur in der mobilen Zweiradwerkstatt

So gut gefüllt ist das Auftragsbuch von Knöfel nicht immer. Im Herbst und Winter werden bei der Zweiradmechanikermeisterin die Aufträge weniger. Während ihre Kollegen im Fahrradgeschäft im Winter im Dunkeln zur Arbeit gehen und auch erst im Dunkeln heimkommen, warten auf Knöfel von Dezember bis Februar meist nur drei bis vier Stunden Arbeit pro Tag.

"Die Firma ist auf mich und meine Person gestrickt."

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist viel Leerlauf am Tag natürlich nicht ideal. Doch Knöfel sagt: "Die Firma ist auf mich und meine Person gestrickt." Mit ihr ist es möglich, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Damit sich ihr Betrieb finanziell lohnt, versucht Knöfel ihre Fixkosten gering zu halten. Sie verzichtet auf ein Büro und erledigt die Büroarbeit im heimischen Wohnzimmer. Monatlich zu Buche schlagen nur der Laster, ihr ­neuer Anhänger und die Stellplätze.

Zudem versucht Knöfel, sich neben den Fahrradreparaturen neue Standbeine zu erschließen und auszubauen. So unterrichtet die Zweiradmechanikermeisterin ein paar Stunden pro Jahr angehende Zweiradmechaniker an der Gewerbe Akademie Freiburg.

Und seit Gründung ihres Unternehmens bietet Knöfel Fahrrad-Aktionstage an. Sie fährt bei Unternehmen vor und inspiziert die Räder der Angestellten, damit diese gesund und sicher zur Arbeit kommen. Regelmäßig gebucht wird sie dafür vom Universitätsklinikum Freiburg und vom regionalen Energieversorger Badenova. Bei diesen Aktionen nutzt die Freiburgerin ihren neuen Anhänger, der ihr ganzer Stolz ist. Den alten Mercedes will sie erst in zwei Jahren austauschen. Denn das Fahrgestell und der Motor sind technisch zwar noch einwandfrei, doch der Lack bekommt immer mehr Risse.

Doch vielleicht hat die Handwerkerin Glück. Bei der Aktion "Sterne des Handwerks" stand sie am Schluss auf Platz zwei und unter den zehn Besten soll ein Mercedes Vito verlost werden. Knöfel könnte ihn sicherlich gut gebrauchen – bei aller Liebe zu ihrem alten Benz.

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