25 Jahre Mauerfall -

Vom Klempner zum Aufklärer Ein Handwerker nimmt die Stasi ins Visier

Konrad Felber hat zwei Meisterbriefe in der Tasche. Als Klempnergeselle bei seinem Vater führt er ein normales Leben in der DDR. Bis sich im Herbst 1989 die Ereignisse überschlagen und die Stasi plötzlich sein Schicksal mitbestimmen wird.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets 25 Jahre Mauerfall
Konrad Felber
Mit doppeltem Boden: Konrad Felber zeigt eine Gießkanne aus der Asservatenkammer. Unten hatte die Stasi eine Kamera eingebaut, die vom Henkel aus ausgelöst werden konnte. -

Das neue Haus ist fast fertig. Nach fünf Jahren. Konrad Felber zieht im Keller gerade frischen Estrich auf, als seine Frau ihn zum Fernseher ruft. Es läuft die Pressekonferenz, in der Günter Schabowski am 9. November 1989 völlig überraschend die Öffnung der Grenze verkündet. Der Hausherr reagiert gefasst: "Das nützt mir jetzt auch nichts. Wenn ich nicht schnell wieder in den Keller komme, verreckt mir der Beton."

So gelassen Felber die historische Botschaft aufnahm, so heftig wird sie sein Leben durcheinanderwirbeln. Noch arbeitet er in der Klempnerei seines Vaters im sächsischen Limbach-Oberfrohna, schon wenige Monate später wird der Installateurmeister und Meister für Bautenschutztechnik seinen Job im Handwerk quittieren.

Nach den ersten freien Wahlen in der DDR zieht er für den Bund freier Demokraten in die Volkskammer ein. "Von null auf hundert zum Berufspolitiker. Ich hatte keine Ahnung von dem Geschäft, aber ich wusste genau, was ich wollte. Den schnellsten Weg zur deutschen Einheit", blickt Konrad Felber zurück.

Der Nachlass von 15.000 Spitzeln

25 Jahre später sitzt er in einer ehemaligen Verpackungsmittelfabrik in der Riesaer Straße von Dresden. Der mit roten Ziegeln verklinkerte Industriebau wurde Anfang der 90er Jahre saniert und beherbergt heute die Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Ihr Leiter heißt Konrad Felber, Herr über zehn Kilometer Aktenordner, deren Inhalt die Spitzel des Arbeiter- und Bauernstaates bis 1989 allein im Bezirk Dresden zusammengetragen haben. Zehn Kilometer Verrat an Nachbarn, Kollegen, ja sogar an Freunden oder Familienangehörigen. Rund 3.500 hauptamtliche und 11.500 inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) haben im Bezirk Dresden ihre Mitmenschen ausgehorcht.

Biografien wie die von Konrad Felber wären ohne die historischen Ereignisse vom Herbst 1989 undenkbar. Wenn der Handwerksmeister sein Leben Revue passieren lässt, dann klingt das wie eine kleine Geschichtsstunde. Felber erzählt vom angepassten Leben in der DDR und seinem plötzlich erwachten politischen Interesse. Ungarn lockerte im Sommer 1989 seine Grenzkontrollen und in Prag füllte sich die Botschaft der BRD mit ausreisewilligen Ostdeutschen.

Als sich in seinem Heimatort in der Werkstatt von Tischlermeister Konrad Uhlig die ersten Aktivisten trafen, um ihren Protest gegen die DDR-Führung zu organisieren, war auch Konrad Felber bald mit von der Partie.

Besser im Privatbetrieb als im VEB

Zu einer Ausbildung im Handwerk gab es für Konrad Felber keine Alternative. Sein Vater hatte 1965 eine Klempnerei übernommen, in der auch der Sohn einsteigen sollte. "Als Handwerker hattest du deine kleinen Freiheiten, wurdest nicht so gegängelt wie die Arbeiter in den volkseigenen Betrieben", sagt Felber. Nach Lehre und Armeedienst absolvierte er die Meisterschule, arbeitete aber als Geselle bei seinem Vater weiter.

Konrad Felber mit seinem Vater Kurt
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Sein Engagement sieht er heute auch als eine Art Wiedergutmachung für die Jahre der Anpassung. "Ich bewundere die Menschen, die von der Stasi verfolgt wurden, aber ihren Mut trotz der Repressionen nie verloren haben", sagt er mit Blick auf die vielen Schicksale, die er aus den Akten seiner Behörde kennt.

Unmittelbar nach dem Fall der Mauer wollten Felber und viele seiner Mitstreiter ihre politische Arbeit in einer Partei bündeln. Am 27. Januar 1990 wurde die Deutsche Forum Partei gegründet, die bei der Volkskammerwahl im März zusammen mit der Ost-FDP und der LDP als Bund Freier Demokraten 5,3 Prozent der Stimmen holte. Das brachte den Liberalen aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt drei Sitze.

Joachim Gauck zum Bundespräsident gewählt

Politneuling Felber zog auf Listenplatz zwei in das erste frei gewählte Parlament der DDR ein und landete im Sonderausschuss zur Kontrolle der Auflösung des MfS. Vorsitzender: Joachim Gauck.

"Es war für mich eine große Ehre, ihn zwei Jahrzehnte später zum Bundespräsidenten wählen zu dürfen", sagt Konrad Felber, der von der sächsischen FDP-Landtagsfraktion in die Bundesversammlung berufen worden war. Mit Joachim Gauck verbindet den Handwerksmeister eine langjährige Freundschaft, denn die Aufarbeitung der Stasi-Akten ist beiden zu einer Lebensaufgabe geworden. Wer in das Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde eintaucht, bekommt eine Ahnung davon, dass es eine Generation nicht schaffen kann, alle Daten auszuwerten.

Rückschlüsse auf die Verhaltensmuster in der Diktatur

Heute seien 94 Prozent der Akten zugriffsfähig, aber noch längst nicht inhaltlich erschlossen, erklärt Konrad Felber. Er geht davon aus, dass höchstens 10 bis 15 Prozent der Stasi-Akten vernichtet wurden. In 15.000 Säcken lagern noch vorvernichtete Akten, die die Stasi-Mitarbeiter in den letzten Tagen der DDR noch schnell von Hand zerrissen haben. Wie lange die Rekonstruktion dauern wird, steht in den Sternen. Aber das Aktenstudium sei wichtig, nicht nur für die Opfer.

Aus dem Inhalt könnten Politikwissenschaftler oder Soziologen wichtige Rückschlüsse über die Verhaltensmuster in der Diktatur gewinnen. Und das stärke das Verständnis für die Demokratie. Wie die parlamentarische Demokratie funktioniert, konnte Konrad Felber vom 3. Oktober 1990 an als Mitglied des Deutschen Bundestages erleben. Er gehörte zu den 144 Volkskammerabgeordneten, die mit der Wiedervereinigung in den 11. Bundestag kooptiert wurden. Plötzlich saß er in Bonn mit Politikern wie Hans-Dietrich Genscher oder Otto Graf Lambsdorff in einer Fraktion, wenn auch nur für drei Monate.

Kurzes Comeback im Handwerk

Danach gab es für Felber zwei Optionen: "Entweder ich übernehme die Firma meines Vaters oder ich schlage eine andere berufliche Laufbahn ein", erinnert sich Felber. Sein Vater, damals 60, hätte als Unternehmer aber noch ein paar Jahre die Marktwirtschaft erleben wollen. Also bewarb sich Felber als Leiter der Außenstelle Chemnitz der Stasi-Unterlagen-Behörde, die unter Vorsitz von Joachim Gauck gerade aufgebaut wurde. "Es war schon ein wenig kühn, sich als Handwerksmeister ohne Abitur oder Studium für diese Stelle zu bewerben", blickt Felber zurück. Aber die Erfahrungen seiner politischen Arbeit sprachen für ihn.

Konrad Felber mit seinem Vater Kurt
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Felber arbeitete zunächst im Regierungspräsidium Chemnitz, studierte nebenbei drei Jahre lang Betriebswirtschaft und bekam später die Chance, als Leiter der Außenstelle Erfurt in die Gauck-Behörde zurückzukehren. Von dort wurde er 1998 nach Dresden berufen.

Briefe aus dem "Tal der Ahnungslosen"

Mit knapp 60 Mitarbeitern verwaltet Felber die Hinterlassenschaft der Stasi. Eine Mammutaufgabe. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es noch jede Menge Anträge auf Akteneinsicht, müssen Mitarbeiter aus dem öffentlichen Dienst oder Abgeordnete auf Stasi-Kontakte überprüft werden. Neben den zehn Kilometern Aktenordnern lagern in der Außenstelle Dresden der Stasi-Unterlagen-Behörde noch 3,5 Millionen Karteikarten, 246.000 Karteikartentaschen mit mikroverfilmten Briefen sowie 1.100 Säcke mit zerrissenen Akten. Eine Besonderheit der Dresdener Außenstelle sind die 4.500 Briefe und Postkarten, mit denen sich die Bewohner aus dem "Tal der Ahnungslosen" an der Radiosendung "Singendes, klingendes Sonntagsrätsel" von RIAS Berlin beteiligt hatten. Daraus entsteht gerade eine Ausstellung, die vom 22. Januar an zu sehen sein wird.

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