Arbeitsmarkt Europa -

Fachkräfte aus dem Ausland Deutschland-Hilfe von Spanien

Immer mehr Spanier zieht es zum Arbeiten nach Deutschland. Während in der Vergangenheit vor allem Akademiker angeworben wurden, gibt es zunehmend Projekte, die auch spanische Handwerker ins Land holen. Eine Chance für alle Beteiligten.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Arbeitsmarkt Europa
Spanische Fachkräfte
Immer mehr spanische Fachkräfte kommen zum Arbeiten nach Deutschland. Eine Chance für das hiesige Handwerk. -

Noch spricht Sergio Nogueroles Rodriguez nur gebrochen Deutsch. Aber das wird sich bald ändern. Denn im September 2012 entschloss sich der 26-jährige Informationselektroniker, für ein Praktikum in den Schwarzwald zu gehen. Nun ist er da. Der Grund: Perspektivlosigkeit in seiner Heimat Alicante in Spanien. "Wenn er sich gut macht, übernehmen wir ihn", sagt sein neuer Chef Jens Dunkelberg, Geschäftsführer von Dunkelberg Systemhaus in Pforzheim.

Rodriguez hat die Chance genutzt, im Rahmen eines der vielen neuen Projekte zur Anwerbung spanischer Handwerker nach Deutschland zu kommen. AliSchwa nennt sich das Projekt, das die Arbeitsagentur Nagold, das diakonische Sozialunternehmen Erlacher Höhe Calw Nagold und das kirchliche Bildungszentrum für Aus-, Fort- und Weiterbildung Oberlinhaus Freudenstadt zusammen mit Projektpartnern in Alicante und Schweden durchführen.

Entscheidung für die Zukunft

Anfang April kam die vierte Gruppe aus Alicante in den Schwarzwald, um in dortigen Handwerksbetrieben ein zweimonatiges Praktikum zu absolvieren. Die meisten der 15 Spanier würden im Anschluss gerne in Deutschland bleiben. Manuel Parra Martinez, 24, hat sich für den Austausch beworben, nachdem er erfahren hatte, dass er seinen Job verlieren wird. Ob er sich vorstellen könnte, hier zu bleiben? "Ja, auf jeden Fall." Andere, wie der 22-jährige Vicente Garcia Guardiola, haben kurz vor Abreise doch noch Muffensausen bekommen. "Doch ich weiß, dass es eine Entscheidung für meine Zukunft ist."

In Spanien sind derzeit rund 55 Prozent der 15- bis 24-Jährigen arbeitslos, viele von ihnen sind sehr gut ausgebildet. Demgegenüber stehen viele Handwerksbetriebe in Deutschland, die händeringend nach Fachkräften suchen. Wieso also nicht beide Seiten zusammenbringen?

Auf diese Idee kamen nicht nur die Schwarzwälder. Auch die Handwerkskammer für München und Oberbayern startete im September 2012 ein Modellprojekt, um spanische Handwerker und Handwerkerinnen zu gewinnen. Inzwischen wurden acht Fachkräfte nach Oberbayern vermittelt, darunter Bäcker und Elektriker. Weitere Gespräche laufen.

Rund 300 Bewerbungen aus Spanien haben die Münchner Handwerkskammer bislang erreicht. Doch das Projekt wird nicht nur von Spaniern gut angenommen. Auch zahlreiche oberbayerische Betriebe fragen nach Fachkräften aus Südeuropa. Unter den bisher 60 Stellenanzeigen, die sich an Spanier richteten, war von Friseuren bis zu Anlagenmechanikern alles dabei.

In der ersten Modellphase sollen im Rahmen des Projekts zunächst 21 spanische Fachkräfte vermittelt werden. Das Engagement der Kammer wird jedoch über das Projekt hinaus weitergehen. "Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, ist das auf jeden Fall der richtige Ansatz", sagt Projektbetreuerin Katrin Budick von der Handwerkskammer.

Hilfe bei der Organisation

Mitte 2012 hatte die Handwerkskammer bei Mitgliedsbetrieben der Innungen das Interesse an spanischen Fachkräften abgefragt. Die Projektpartner, die Arbeitsagentur München und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit übernahmen zusammen mit den Städten Motril und Cordoba die Suche. Die Handwerkskammer zahlt einen Teil der Anreisekosten, anfänglich einen Mietzuschuss und Sprachkurse, unterstützt bei Behördengängen, arbeitsrechtlichen Fragen oder der Organisation von Weiterbildungen.

Neun Spanier hat auch die Handwerkskammer Konstanz mit ihren Projektpartnern der Wirtschaftsförderung Schwarzwald-Baar-Heuberg, der Arbeitsagentur und den Kreishandwerkerschaften ins Land geholt. Seit 1. April sind die Handwerker in Betrieben in den Landkreisen Tuttlingen, Schwarzwald-Baar und Rottweil beschäftigt. Ein Anstellungskriterium: Zwei Jahre Berufserfahrung, um die Unterschiede im deutschen und spanischen Ausbildungssystem zu kompensieren.

Rund 90 Bewerber reagierten auf die Stellenausschreibungen. Noch bevor die Spanier nach Deutschland kamen, schloss man bereits die Arbeitsverträge – ohne dass die Betriebe ihre künftigen Mitarbeiter persönlich kennengelernt hatten. Dabei gehen die Unternehmen in Vorleistung: Während des ersten Monats machen die Spanier einen Intensivsprachkurs, die Arbeit im Betrieb beginnt dann im Mai. Im August folgt ein weiterer – bei regulärem Gehalt.

Zunächst soll es in Konstanz bei den neun Vermittlungen im Rahmen des Pilotprojekts bleiben. "Im Herbst werden wir die Initiative wieder aufgreifen", sagt Sonja Zeiger-Hermann von der Handwerkskammer Konstanz. "Der nächste Schritt ist jetzt zu sehen, wie man die Partnerinnen der Handwerker nachziehen lassen kann. Grundsätzlich sind wir positiv gestimmt, dass es weitergehen wird."

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