Deutschland braucht einen Kulturwandel: Mehr Beschäftigung für Ältere - Konjunktur - deutsche handwerks zeitung

Konjunktur - 02.09.2010

Gastkommentar

Deutschland braucht einen Kulturwandel: Mehr Beschäftigung für Ältere

Das SPD-Präsidium plädiert für einen Aufschub der Rente mit 67 und stellt sich damit gegen den Beschluss, den die Partei zusammen mit der Union in der Großen Koalition getroffen hat. Handwerkspräsident Otto Kentzler spricht sich im DHZ-Gastkommentar für die Rente mit 67 aus.

Handwerkspräsident Otto Kentzler plädiert für die Rente mit 67. Foto: ZDH

Alle wollen uns weismachen, dass die Rente mit 67 eine Rentenkürzung ist. Das ist Unsinn. Fakt ist: Wir beziehen heute im Schnitt mehr als 18 Jahre Rente, mit steigender Tendenz, 1960 waren es gerade einmal zehn Jahre. So gerechnet bekommen wir jetzt doppelt so lange Rente! Diese Rentenverdoppelung ist teuer – also müssen die künftigen Rentner ihr Scherflein beitragen: Sie arbeiten ab 2029 bis 67 Jahre.

Im Handwerk haben wir schon immer unsere älteren Mitarbeiter im Betrieb gehalten. Wenn jetzt der Fachkräftemangel ankommt, weniger junge Facharbeiter nachrücken, dann wird es umso wichtiger, ältere Mitarbeiter zu halten.

Das Handwerk ist hier durchaus beispielgebend für andere Wirtschaftsbereiche, zumal viele unserer Meister und Betriebsinhaber bereits heute über 65 und sogar 67 Jahre hinaus arbeiten. Nicht nur aus Erwerbsgründen, sondern weil Arbeit zu einem erfüllten Leben dazu gehören sollte. Wir müssen in Wirtschaft und Gesellschaft einen Kulturwandel provozieren: Es muss nach und nach wieder selbstverständlich werden, dass die Menschen tatsächlich bis zur gesetzlichen Altersgrenze arbeiten.

Zu diesem Kulturwandel gehört, dass wir nicht mehr vorrangig über Vorruhestand, Altersteilzeit oder vorgezogenen Rentenbeginn reden. Stattdessen müssen wir zielgerichtet ausloten, wie wir Ältere so qualifizieren, damit sie den neuen Anforderungen in den Berufen gewachsen sind. Diesen Prozess müssen wir mit flexiblen Teilrenten begleiten, damit die Mitarbeiter auch bei nachlassender körperlicher Leistungsfähigkeit im Betrieb gehalten werden können. Wir brauchen Tarifverträge, die diese Flexibilität zulassen.

Und – da stimme ich dem jüngsten Präsidiumsbeschluss der SPD ausdrücklich zu: Wir brauchen Anstrengungen der Arbeitgeber, aber auch der Tarifpartner und der Politik, Ältere über das 60. oder 63. Lebensjahr hinaus zu beschäftigen – und damit müssen wir jetzt anfangen. Wir brauchen aber keine neuen Maßnahmen, die solche Anstrengungen wieder torpedieren und die Menschen am Ende doch wieder früher aus dem Erwerbsleben aussteigen lassen – da bin ich gegen entsprechende Vorschläge des SPD-Präsidiums.

Seit dem 1. Januar 2010 ist die geförderte Altersteilzeit auf Kosten der Beitragszahler nicht mehr möglich, damit ist auch die massenhafte Freistellung älterer Mitarbeiter auf Kosten der Solidarkassen langsam ausgebremst. Jetzt findet ein Umdenken bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern statt, da bin ich ganz sicher: Die Quote der älteren Beschäftigten steigt bereits und sie wird und soll weiter steigen. Das darf jetzt nicht durch eine unsinnige Diskussion wieder rückgängig gemacht werden.

 
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