Vor 60 Jahren wurde aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt Der "Nischl" hat überlebt, der Name nicht

Karl Marx stand das Wasser schon bis zum Hals. Doch jetzt, da sich die Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt zum 60. Mal jährt, ragt die zweitgrößte Porträtbüste der Welt wieder voller Stolz in den sächsischen Himmel. Handwerker haben geholfen, die meistfotografierte Sehenswürdigkeit der Stadt wieder ansehnlich zu machen.

Ulrich Steudel

60 Jahre nach der Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt zeugt nur noch der "Nischl" vom einstigen Namen der Stadt. - © Foto: Gutjahr

Öffentlich gefeiert wird das Jubiläum am 10. Mai in Chemnitz freilich nicht. Schließlich haben die Einwohner schon vor der deutschen Wiedervereinigung im Frühjahr 1990 in einer Volksabstimmung mit 76 Prozent der Stimmen für "Chemnitz" als künftigen Stadtnamen votiert, was mit dem Beitritt der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik Deutschland offiziell umgesetzt wurde.

Das Wahrzeichen wackelt

Doch ihren "Nischl", wie die Chemnitzer den sieben Meter hohen Bronzekopf von Karl Marx mit sächsischer Ironie nennen, wollten sich Bewohner trotz der Rückbesinnung auf den ursprünglichen Namen nicht nehmen lassen. Schließlich hat sich das vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffene und 1971 aufgestellte Monument längst zum Wahrzeichen der Stadt entwickelt.

Das aber hatte nach vier Jahrzehnten an Standfestigkeit verloren. Der 18,5 mal 10,5 Meter große Betonsockel begann zu bröckeln, durch schadhafte Granitplatten drang Feuchtigkeit ein. Kurz: das beliebte Fotomotiv des "sächsischen Manchesters" war dringend sanierungsbedürftig. Mit einer kapillarbrechenden Flächendrainage der hessischen Firma Gutjahr ist es gelungen, das Denkmal wieder auf trockene Füße zu stellen.

Bei der Abdichtung des Sockels sollte das ursprüngliche Bild der überdimensionalen Büste unbedingt erhalten bleiben. "Gut 70 Prozent des alten Materials konnten wir wieder verwenden", sagt Martin Herberholz, der die Natursteinarbeiten ausgeführt hat. Aber für die restlichen Steinplatten musste Ersatz beschafft werden, der in Farbe und Beschaffenheit zum vorhandenen Material passte. Nach intensiven Recherchen hat Herberholz in der Ukraine jenen Steinbruch ausfindig gemacht, der die Steinplatten einst geliefert hatte. Einige Arbeiter erinnerten sich sogar noch an die Art der Ausführung.

Dauerhafte Entwässerung

Aqua-Drain T: Die Drainagekanäle bilden eine kapillarbrechende Luftschicht, die verhindert, dass Stauwasser auf der Abdichtung in die Beläge zurückwandert. - © Foto: Gutjahr
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Um künftig Schäden an den Granitplatten von vornherein zu vermeiden, musste für eine dauerhafte Entwässerung des Sockelaufbaus gesorgt werden. Dachdeckermeister Frank Friedrich aus Chemnitz, der mit der Abdichtung des Sockels beauftragt war, hatte schon gute Erfahrungen mit der Flächendrainage Aqua-Drain T+ von Gutjahr gemacht. "Die Matte ist kapillarpassiv und führt das Wasser aus der Splittschicht unter dem Belag ab. Auch dann, wenn an einigen Stellen Wasser auf der Abdichtung steht", beschreibt der Dachdeckermeister die Vorteile dieses Systems.

AquaDrain T+ besteht aus einer Kunststofffolie mit aufkaschiertem Spezialvlies. Dadurch entsteht eine kapillarbrechende Luftschicht. Diese verhindert, dass Stauwasser auf der Abdichtung über die Kies- oder Splittschicht in die Beläge zurückwandert und dort Schäden verursacht.

Dachdeckermeister Friedrich hat für den Sockel die 16 mm hohe Version der Drainagematte auf dem von ihm abgedichteten Untergrund ausgerollt – insgesamt rund 120 Quadratmeter. Darauf wurde eine Splittschicht von 50 bis 75 Millimeter Dicke (Körnung 4 bis 8 Millimeter) aufgezogen, auf der die Firma Natur- und Kunststeinbau Herberholz die Granitplatten im Format 110 mal 54 mal drei Zentimeter verlegt hat.

Vorn der Vordenker des Sozialismus, hinten ein Tempel des Kapitalismus: Karl Marx und das Hotel Mercure. - © Foto: Gutjahr
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Acht Millimeter breite Fugen sollen die Entwässerung der Oberfläche beschleunigen. Das Sickerwasser wird dann auf der Abdichtung zum Rand des Sockels hin geführt. Dort kann es im circa zwei Zentimeter starken Hohlraum zwischen Betonsockel und den vorgehängten senkrechten Platten in ein Kiesbett abfließen.

Rund ein Jahr lang haben die Arbeiten am 40 Tonnen schweren Bronzedenkmal gedauert. Und so können die Chemnitzer zusammen mit ihrem "Nischl" wieder "vorwärts auf eine neue und bessere Zukunft schauen", ganz so, wie es DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl 1953 bei der Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt ausgerufen hatte. Nur, dass diese Zukunft wohl nicht der von ihm gemeinte Sozialismus nach der Philosophie des dialektischen Materialismus eines Karl Marx sein wird.