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Lebenswege Der lange Weg des Kollektivs

Am Anfang wollten die fünf Chefs ganz ohne Hierarchien auskommen. Das war schwierig. Das Geschäftsmodell der Schreinerei Echaz wurde dennoch zum Erfolg – und sechs Chefs sind immer noch übrig.

Der lange Weg des Kollektivs
Früher war die Werkstatt sein Arbeitsbereich, heute arbeitet Schreiner Ernst Martin Hauerwas vor allem im Büro. -

Anfangs galten sie als "Müsli-Schreiner": Richard Breier, Werner Mahr, Jürgen Braun, Horst Günther, Ernst Martin Hauerwas und Roland Brixner. Im Jahr 1985 haben sie sich als Kollektiv mit der Echaz-Schreinerei selbstständig gemacht. Seither hat sich viel geändert, nur in der Geschäftsführung, da sitzen immer noch mehrere Chefs. Heute sind sie sogar zu sechst.

Pädagogik und Handwerk unter dem Dach einer Schreinerei zu verbinden, das war vor 28 Jahren die Geschäftsidee, die Hauerwas und Mahr gemeinsam angetrieben hat. Doch den gelernten Schreinern und ehemaligen Pädagogikstudenten fehlte für die Geschäftsgründung etwas ganz Entscheidendes: ein Meistertitel.

Deshalb gingen sie auf die Suche nach geeigneten Mitstreitern und wurden fündig. Sie konnten die Schreiner Jürgen Braun und Roland Brixner sowie den Meister Horst Günther für ihr Vorhaben gewinnen. Zu fünft, mit  vielen Ideen, wenig Geld und alten Maschinen gründeten sie einen Betrieb. Ihrer Schreinerei gaben sie den Namen Echaz, denn das Betriebsgebäude, das die Handwerker in Reutlingen damals anmieteten, lag an eben diesem Fluss.

Die Ziele, die sich die jungen Geschäftsführer gesteckt hatten, waren hoch. Das Handwerk und die Pädagogik wirklich zu verbinden, erwies sich bald als schwierig. Schnell wurden sie von der Realität des Geschäftsalltags eingeholt. "Alles, was mit der Betriebsgründung verbunden war, hat uns so beschäftigt, dass wir gar nicht so viel machen konnten", sagt Hauerwas heute.

Die Bewältigung des Betriebsalltags nahm sie alle gleichermaßen in Anspruch. Denn ganz im Sinne der Zeit wollten die Handwerker  ohne Hierarchien auskommen. "Wir waren alle gleich und haben anfangs alle anfallenden Arbeiten gleichermaßen getragen", sagt Hauerwas. Es galt das Rotationsprinzip. Ganz gleich ob Rechnungswesen, Arbeiten in der Werkstatt oder das Ausliefern der Möbel, sie tauschten regelmäßig ihre Aufgaben. Das funktionierte nicht so gut wie gedacht. Nach und nach haben sie sich spezialisiert. "Heute sitzen die Leute da, wo sie ihre Stärken haben", sagt Hauerwas.

Betrieb breit aufgestellt

Mit Jürgen Braun, Richard Breier und Walter Hummel arbeiten heute drei der Geschäftsführer in der Arbeitsvorbereitung und Produktion. Thomas Kessmeyer, Roland Brixner und Ernst Martin Hauerwas holen dagegen Angebote rein und kümmern sich um die Verwaltung.

Der Betrieb, der mittlerweile von Reutlingen ins nahegelegene Kirchen­tellinsfurt umgezogen ist, ist heute breit aufgestellt. Von der klemmenden Schublade bis zu großen Projekten wie der Ausstattung einer Stadthalle macht die Echaz-Schreinerei fast alles.

Schon vor Jahren sind zwei der Gründungsmitglieder ausgestiegen. Einer von ihnen war Werner Mahr. Er hat sich gegen das Handwerk entschieden und arbeitet heute als Sozialpädagoge. Vielleicht, weil die jungen Geschäftsführer schon bald nach der Gründung feststellen mussten, dass es nicht so einfach wie gedacht ist, die Pädagogik und das Handwerk gleichermaßen unter dem Dach eines Wirtschaftsbetriebs unterzubekommen.

Erst später haben sie Lehrlinge eingestellt und versucht, den einen oder anderen durchzubringen, der es auf dem Arbeitsmarkt schwerer hatte als andere. Darunter waren Auszubildende mit Migrationshintergrund oder solche, die lernschwach waren.

Stark in der Ausbildung

Heute hat die Schreinerei ihr Engagement in diesem Bereich auf ein Minimum reduziert. In der Ausbildung ist der Betrieb dennoch stark. Mittlerweile haben die sechs Geschäftsführer 20 Mitarbeiter. Viele davon wurden auch im Betrieb ausgebildet.

Die Kunden fragen heute vor allem weiß lackierte Möbel nach. Dennoch ist sich das Schreinerkollektiv treu geblieben: Geölte Massivholzmöbel haben sie noch immer im Programm.

Deutlich verändert hat sich dagegen die Entscheidungsfindung im Betrieb. Anfangs haben die Chefs versucht, die Verantwortung für die Entscheidungen gemeinsam zu tragen. Deshalb haben sie damals viel diskutiert. Zum Beispiel, ob eine Kabelrolle angeschafft werden sollte oder nicht.

Aber auch vor den Kunden haben die Schreiner des Kollektivs so manche Diskussion ausgefochten. "Es geht darum, Kunden eine Lösung zu bieten", weiß Hauerwas heute. Das mussten die Schreiner damals lernen, denn Diskussionen beim Kunden brachten sie nicht weiter.

Lange schon wird bei der Echaz-Schreinerei über banale Anschaffungen wie eine Kabelrolle nicht mehr diskutiert. Gemeinsam fällen die Geschäftsführer nur noch wichtige Entscheidungen wie die Anschaffung einer großen Maschine.

Nachfolge ungeklärt

Warum es heute viel besser funktioniert, ist für Hauerwas klar: "Unser Erfolgsrezept ist Vertrauen." Die Schreiner verbindet heute eine Freundschaft. Ein gemeinsames Bier nach Feierabend ist dennoch eine Seltenheit. Schließlich sehen sie sich sowieso jeden Tag im Betrieb.

Was die Zukunft bringt, weiß Hauerwas nicht genau. Für das Kollektiv wird sich mittelfristig die Frage nach der Nachfolge stellen. Die Geschäftsführer wollen in jedem Fall, dass ihr Betrieb mal weiterläuft, wenn sie mal in Rente gehen. Potenzielle Nachfolger sind jedoch noch nicht in Sicht, denn ein Betrieb, der als Kollektiv organisiert ist, hat eine Schattenseite: Es wird alles geteilt. Das gilt auch für die Gewinne.

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