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Lebenswege Der gottgefällige Schreinermeister

Wenn David Kainz vom Meister spricht, dann meint er keineswegs die berufliche Qualifikation, die er selbst absolviert hat, wie der gerahmte Meisterbrief in seinem kleinen Büro verrät. Als Meister bezeichnet er seinen spirituellen Mentor, dessen Rat ihm Wegweiser durch sein Leben als Muslim ist. Selbst bei der Berufswahl hat er diesem Rat vertraut und ist Schreiner geworden.

Der gottgefällige Schreinermeister
Versunken im Gebet: Schreinermeister David Kainz. -

"Ich verstehe meine Arbeit als gottesdienstliche Handlung", sagt Kainz, der 1970 als deutscher Muslim in Berlin geboren wurde. Seinen Meister sieht er in Scheich Nazim, dem geistigen Oberhaupt eines Sufi-Ordens mit Sitz auf Zypern. Nazim rät seinen Schülern, einen einfachen Beruf wie den des Schreiners zu ergreifen, ihn möglichst selbstständig auszuüben und dabei weitgehend auf Technik zu verzichten. Bei David Kainz ist diese Botschaft auf offene Ohren gestoßen.

Die Liebe zum Beruf des Schreiners hatte er schon als Zehnjähriger entdeckt, als er mit seinen Eltern und vier Geschwistern in Damaskus lebte und lieber als Schreinergehilfe arbeitete, als zur Schule zu gehen.

Der gottgefällige Schreinermeister

Schreinermeister David Kainz hat stets seinen Propheten als Vorbild und möchte geleitet von ihm das ehemalige Dorfgemeinschaftshaus in Steinfurt wiederbeleben.

Knapp drei Jahrzehnte später hat David Kainz seinen Meisterbrief in der Tasche und im hessischen Steinfurt seinen eigenen Betrieb gegründet – kurz nachdem die einzige Schreinerei im Dorf aufgegeben worden war, weil sich kein Nachfolger fand. Nur beim Verzicht auf Technik ist David Kainz nicht der Empfehlung seines Meisters gefolgt. Man müsse sich immer ein Stück weit den Erfordernissen seiner Umgebung anpassen, meint der Mann mit der Filzkappe und dem langen Bart.

Neues Leben im Dorfzentrum

Ansonsten nimmt sich der Schreinermeister in seinem Beruf aber stets die Propheten als Vorbild, die ihr gottgefälliges Leben auch durch ihr Handwerk zum Ausdruck gebracht hätten. Seine Werkstatt begreift er daher nur als Mosaikstein in dem Vorhaben, das ehemalige Dorfgemeinschaftshaus in Steinfurt wiederzubeleben. Mit Post, Gastwirtschaft und Tanzsaal einst das Zentrum im öffentlichen Leben des 200-Seelen-Ortes im Landkreis Vogelsberg, war der Gebäudekomplex längst dem Verfall preisgegeben, bevor David Kainz und sein Schwager die Ruine samt sieben Hektar landwirtschaftlicher Fläche erwarben.

Inzwischen wohnen die beiden Familien mit jeweils fünf Kindern in dem Ensemble, das nach und nach mit natürlichen Baustoffen saniert wird. Auch seine Eltern hat David Kainz bei sich aufgenommen und seine mittlerweile verstorbene Mutter zuhause gepflegt. Zudem ist eine Moschee entstanden, die längst nicht nur als Gebetsraum für die Muslime der Umgebung dient, sondern Begegnungsstätte für interessierte Menschen aller Religionen und Herberge für Reisende sein soll. "Auch der katholische Pfarrer war mit seinen Schülern schon hier", betont David Kainz, dass die Moschee keineswegs nur den Muslimen vorbehalten ist.

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© Steudel

Der neue Dorfschreiner von Steinfurt sieht sich aber auch der Landschaftspflege und dem Umweltschutz verpflichtet. Eine Streuobstwiese hat er angelegt, 30 Bäume sowie Wind- und Wildschutzhecken gepflanzt. Seit fünf Jahren betreibt er mit seiner Frau Naziha eine Imkerei. In der ehemaligen Milchsammelstelle gegenüber der Werkstatt wird der Honig geschleudert. Auf dem Etikett der Gläser hat Kainz zwei Verse aus der Koran-Sure 16 gedruckt, die sich den Bienen widmen. "Aus ihren Leibern kommt ein Trank, mannigfach an Farbe. Darin ist Heilung für die Menschen", heißt es da.

Als Kind im Orient

David Kainz wurde der Glaube an Allah schon in die Wiege gelegt. Seine bayerische Mutter und sein österreichischer Vater hatten auf ihrer spirituellen Suche – geprägt von der Hippiebewegung der 60er Jahre – zu Mohammed gefunden und waren zum Islam konvertiert. 1977 kehrten sie der abendländischen Welt den Rücken und wanderten mit ihren Kindern in den Orient aus. "Da war plötzlich alles nur noch Licht", erinnert sich David Kainz an die Ankunft in Mekka. Knapp vier Jahre blieb die Familie in Medina (Saudi-Arabien) und Damaskus (Syrien), von wo aus sie die Zentren der muslimischen Welt bereiste.

Manche Details sind inzwischen aus der Erinnerung von David Kainz verschwunden, andere dagegen bleiben im Gedächtnis, wie die Abreise aus Kabul. Als Ende 1979 die russische Armee in Afghanistan einmarschierte, saß Familie Kainz im letzten Bus, der die Hauptstadt Richtung Pakistan verließ. "Eine Militäreskorte Tabak kauender Mudschaheddin hat uns begleitet", erzählt David Kainz.

Nicht nur einmal war die Familie am Brennpunkt der Weltgeschichte. Vor dem Besuch in Kabul hatte sie schon die islamische Revolution in Persien miterlebt und dabei auch Ajatollah Chomeini in Teheran gesehen. Wenn David Kainz heute an diese erlebnisreiche Zeit zurückdenkt, dann kommt ihm aber vor allem eines in den Sinn: Die Herzlichkeit der Menschen, denen er im Nahen Osten begegnet ist.

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© Steudel

1981 kehrte die Familie schließlich nach Deutschland zurück. Es begann eine schwierige Zeit, an der die Familie fast zerbrochen wäre. Mit 18 begann David Kainz schließlich in Landshut eine Schreinerlehre. Und in dem jungen Erwachsenen reifte eine Entscheidung. Im Alter von 22 Jahren reiste er nach London, wo sein Meister jedes Jahr den Ramadan verbrachte. Es war die be­wusste Entscheidung für ein religiöses Leben nach den Regeln des Islam. Ein Jahr später trat er seine Hadsch an.

Die Pilgerreise zur Kaaba in Mekka gilt neben dem Glaubensbekenntnis, den fünf täglichen Gebeten, dem Fasten im Ramadan und dem Geben von Almosen an Arme als eine der fünf Säulen des Islam. "Die Pilgerreise war für mich gleichzeitig die Abnabelung von meinen Eltern", sagt David Kainz, den seine Glaubensbrüder in Steinfurt nur Dawud nennen (arabisch für David, sprich: Daud).

Intensives Ritual

Jeden Donnerstag treffen sich die Männer aus Steinfurt und den Nachbardörfern in der kleinen Moschee zum Dhikr, dem Gebetsritual zur Anrufung Allahs. Sieben Männer, dazu ein paar Jugendliche und Kinder, sind an diesem Abend gekommen, um ihren Gott zu preisen. Sie setzen ihre Turbane auf, verneigen sich gen Mekka, werfen sich nieder. Dann stimmt der Imam das Gebet an, das einem Sprechgesang ähnelt und in das alle Gläubigen immer wieder mit einstimmen.

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© Steudel

"Ya Allah", "Ya Hu" oder "Ya Hayy", was so viel wie "Oh Allah", "Oh Er" oder "Oh Lebendiger" bedeutet – mehr kann der unkundige Gast aus den arabischen Gebetsformeln nicht heraushören. Doch die Intensität des Rituals lässt erahnen, wie tief diese Männer in ihrem Glauben verwurzelt sein müssen.

Zum Abschied schenkt Schreinermeister Kainz dem fremden Gast noch ein Glas Honig. Und was erwatet der Gastgeber von der Zukunft? "Ich wünsche mir, dass der Islam in Deutschland nicht als etwas Fremdes empfunden wird, sondern als Bereicherung."

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