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Vom Sergeant der US-Army zum Hufschmied Der Cowboy aus Wisconsin

Pferdeliebhaber John Ravanelli hat umgesattelt. Heute arbeitet der ehemalige Sergeant der US-Army als Hufschmied in Unterfranken.

Minus neun Grad Celsius zeigt das Thermometer, als sich John Ravanelli an diesem Novembermorgen an die Arbeit macht. Am Horizont kündet die schneeweiße Wasserkuppe vom nahen Winter. Eine Frau hat vorsorglich eine Kanne heißen Kaffee zum Reitclub Rhön in Bad Neustadt an der Saale gebracht, wo der Hufschmied heute auch ihr Pferd beschlagen soll. Aber John Ravanelli braucht keinen heißen Kaffee, um warm zu werden.

Hufbeschlagschmiede, so die offizielle Bezeichnung in Deutschland, arbeiten körperlich hart. Ravanellis muskulöse Unterarme zeugen vom kräftigen Zupacken. Trotzdem macht dem US-Amerikaner sein Job richtig Spaß. Vom angestrebten Studium hat er sich längst verabschiedet. Umso mehr engagiert sich der 43-Jährige für seine Berufsgruppe.

Der Cowboy aus Wisconsin

Auf der jüngsten Tagung der European Federal Farrier Association in Dublin wurde er zum Schriftführer des europäischen Hufschmiedeverbandes gewählt. „Jetzt haben meine deutschen Kollegen einen perfekt englisch sprechenden Vertreter in ihrer Interessenvertretung sitzen“, sagt Ravanelli mit fränkischem Zungenschlag, dem der amerikanische Akzent eine originelle Melodie verleiht.

Dass in der Rhön ein Hufschmied aus den USA mit seiner mobilen Werkstatt die Pferdehöfe der Region ansteuert, ist eine lange Geschichte. Sie führt von Italien, von wo aus Ravanellis Urgroßvater 1895 nach Amerika auswanderte, über einen Bauernhof in Wisconsin nach Unterfranken. Sie führt in den Balkankrieg und schließlich in eine Ausbildung im Metallhandwerk und die Hufbeschlagschule.

Enttäuscht vom Ausgang der Wahl in den USA

1973 in Hartford geboren, wuchs John Ravanelli als ältester Sohn mit vier Geschwistern auf einem Milchbauernhof auf. 170 Acre, knapp 70 Hektar, bewirtschafteten die Eltern. „Bevor uns der Schulbus zur Ganztagsschule brachte, mussten wir Kinder im Stall helfen“, erinnert sich Ravanelli an seine frühen Kontakte zu Tieren. Nach der Highschool hätte er gern studiert, doch für die Universität fehlte das Geld.

„Deshalb habe ich mich für vier Jahre bei der US-Army verpflichtet. Dafür hätte es 33.000 Dollar Zuschuss zum Studium gegeben“, sagt Ravanelli. Als nächsten Präsidenten der USA hätte er am liebsten Bernie Sanders gesehen. „Ich habe mich fremdgeschämt für mein eigenes Land“, kommentiert Ravanelli den unerwarteten Ausgang der Wahlen. Aber jetzt müsse man Donald Trump eine Chance geben. „Ich hoffe, er wird von den richtigen Leuten beraten.“

Erfahrungen als Springreiter

Nach der Militärausbildung zum Lkw-Mechaniker und Fallschirm­jäger wurde John Ravanelli nach Deutschland abkommandiert, kam 1992 nach Würzburg. Für den jungen Soldaten ein Glücksfall, lernte er hier doch seine Frau Carmen kennen. Und mit ihr den Reitsport.

Die Erfahrungen als Springreiter sind eine gute Grundlage für den Beruf des Hufbeschlagschmieds, den Ravanelli von 2002 an erlernte. Damals noch mit einer klassischen Handwerksausbildung zum Metallbauer, Fachrichtung Konstruktionstechnik. Nach dem Abschluss an der Hufbeschlagschule startete er 2005 in die Selbstständigkeit mit Eintrag in der Handwerksrolle. „Doch schon ein Jahr später musste ich meine Handwerkerkarte abgeben“, erklärt Ravanelli. Grund: Das neue Hufbeschlaggesetz. Es fokussierte stärker auf den Tierschutz. Die Hufschmiede wanderten unter das Dach des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Kein Ausbildungsberuf

Damit verschwand der Hufbeschlagschmied auch von der Liste der Ausbildungsberufe. „Wer heute bei der Arbeitsagentur nach einer Ausbildung zum Hufbeschlagschmied fragt, wird kein Angebot bekommen“, sagt Christian Kraus vom Bundesverband Metall (BVM). Dabei gibt es reichlich Arbeit für die Hufschmiede im Land. Aber Nachwuchs zu finden, wird auch für die von Einzelunternehmern geprägte Branche seit Jahren schwieriger.

Der Abschluss als staatlich geprüfter Hufbeschlagschmied kann über verschiedene Wege erreicht werden. Einen davon bietet immer noch das Handwerk mit der Lehre zum Metallbauer, Fachrichtung Metallgestaltung, Kernbereich Hufbeschlag. Es folgt ein viermonatiger Lehrgang an einer der elf Hufbeschlagschulen mit abschließender Prüfung.

Ehe John Ravanelli seine Lehre antreten konnte, musste er jedoch erst seine Dienstzeit bei der US-Army ableisten. Zweimal zog er als Soldat zu Kriegseinsätzen nach Bosnien und in den Kosovo. Besonders der zweite Einsatz mit einer Panzereinheit 1999 im Kosovo hat sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. Aber sprechen mag er darüber nicht. Nur so viel: „Ich weiß, wie es ist, wenn jemand auf dich schießt.“

Im Juni 2001 konnte Ravanelli den Dienst bei der US-Army endlich quittieren. Im gleichen Jahr begann er als Gehilfe bei einem Hufschmied, den er vom Reitsport kannte. Vier Jahre später hatte er seinen Gesellenbrief in der Hand. Im vergangenen Jahr legte er die Prüfung als staatlich anerkannter Hufbeschlaglehrschmied ab.

Regelmäßiger Gast im Reitclub Rhön

Hufschmied John Ravanelli

Am Reitclub Rhön hat die Sonne inzwischen den Platz vor den Stallungen erwärmt. Ein Helfer führt einen Schimmel heran, das dritte Pferd, das an diesem Tag neue Hufe bekommt. Am Gang erkennt Ravanelli, worauf er achten muss. Zunächst werden die alten Hufeisen abgenommen, die Hufe gereinigt.

Geduldig lässt es der Schimmel über sich ergehen, wenn der Hufschmied eines seiner Beine zwischen seine Beine klemmt und mit einer Zange störendes Horn abzwickt. Die Pferde kennen die Prozedur, schließlich kommt der Hufschmied alle sechs bis acht Wochen vorbei.

Derweil erhitzt der kleine, gasbetriebene Schmiedeofen im Laderaum des Transporters ein neues Hufeisen. Auf dem Amboss bringt Ravanelli das rot glühende Glückssymbol mit geschultem Auge und kurzen Hammerschlägen in Form, ehe er das zwar nicht mehr glühende, aber immer noch heiße Eisen auf den Huf des Pferdes drückt. Augenblicklich verschwindet sein Kopf hinter einer weißen Wolke. Es stinkt erbärmlich. Passt das Hufeisen, kann es aufge­nagelt werden. Zum Schluss wird der Huf gesäubert.

Nach reichlich einer Stunde darf der Schimmel frisch besohlt zurück in den Stall. Und John Ravanelli gönnt sich einen Kaffee, ehe das nächste Pferd an die Reihe kommt.

Beruf Hufbeschlagschmied: Auf einen Blick

In Deutschland gibt es schätzungsweise 1,1 Millionen Pferde, die von rund 3.500 Hufbeschlagschmieden betreut werden. Etwa 400 davon sind im Ersten Deutschen Hufbeschlagschmiede Verband (EDHV) organisiert, aber auch im Bundesverband Metall gibt es eine Fachgruppe Hufbeschlag.

Hufbeschlagschmiede müssen Fähigkeiten des Metallhandwerks beherrschen und zudem Kenntnisse über die Anatomie der Pferde haben. Wer den viermonatigen Lehrgang an der Hufbeschlagschule mit anschließender Prüfung besuchen möchte, muss ent­weder eine Ausbildung zum Metallbauer absolvieren oder zwei Jahre lang bei einem staatlich anerkannten Hufbeschlagschmied sozialversicherungspflichtig angestellt gewesen sein, egal mit welchem Berufsabschluss.

In Österreich wurde der Hufschmied kürzlich wieder in die Liste der reglementierten Gewerbe aufgenommen, für deren Ausübung die Meisterpflicht gilt.

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