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Fotostrecke: 2 Bilder
Mit Smart Grid wird der Stromfluss im Haus ganz neue Wege nehmen. Neben Verbrauchern wie Heizungspumpe oder Kühlschrank stehen auch Erzeuger wie Photovoltaikanlagen zur Verfügung. Elektroautos könnten als zusätzliche Stromspeicher einbezogen werden.
Foto: Siemens
Intelligenztest am Strommarkt

Smart Grid: Die Energieversorgung der Wohlstandsgesellschaft steht vor einem Umbruch und das Elektrohandwerk vor neuen Aufgaben

Strom kommt aus der Steckdose. Der saloppe Spruch ist eine Geburt der Wohlstandsgesellschaft. Doch die Sorglosigkeit im Umgang mit Elektroenergie, die sich dahinter verbirgt, hat sich angesichts des Klimawandels längst überholt. Der Strommarkt steht vor einem Strukturwandel.

In Zukunft werden intelligente Netze, in Fachkreisen Smart Grids genannt, die Energie so verteilen, dass sie möglichst effizient genutzt wird. Ein erster Schritt auf diesem Weg sind die digitalen Stromzähler. Mit dem so genannten Smart Metering könnten dem Kunden Preissignale in sein Gebäude übermittelt werden, nach denen sich die elektrische Anlage und die einzelnen Stromverbraucher im Haus automatisch ausrichten, blickt man beim Zentralverband der deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) in die Zukunft.

Das E-Haus zeigt die Zukunft

Wie diese aussehen könnte, hat der Verband kürzlich auf der Fachmesse Light+Building in Frankfurt am Main demonstriert. Im E-Haus, das auch schon auf der Internationalen Handwerksmesse in München zu sehen war, konnten die Besucher auf 100 Quadratmeter die zukünftigen Energiewelten studieren: Bildschirme, die anschaulich über die aktuellen Stromverbräuche informieren; Jalousien, die vom Tageslicht gesteuert werden; Waschmaschinen, die sich automatisch einschalten, wenn der Strom gerade billig ist; ein Elektrofahrzeug, das mit selbsterzeugtem Sonnenstrom aufgetankt wird.

Im Alltag ist diese Vision noch nicht angekommen, doch die Weichen in diese Richtung sind gestellt. Bereits 2008 wurde das Zähl- und Messwesen liberalisiert. Seither müssen die Nutzer von Strom- oder Gasanschlüssen ihren Verbrauch nicht mehr vom Energieversorger oder Netzbetreiber messen lassen, sondern können auch Dritte damit beauftragen. Seit Anfang dieses Jahres dürfen nach dem Energiewirtschaftsgesetz bei Neubauten und Totalsanierungen keine mechanischen Zähler mehr installiert werden. Und ab nächstem Jahr sind die Energieversorger verpflichtet, last- und zeitvariable Tarife anzubieten. Das heißt, dass der Preis für eine Kilowattstunde Strom davon abhängt, wie viel gerade erzeugt und verbraucht wird.

Das wird durch den steigenden Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix nötig. Anders als Atom- oder Kohlekraftwerke liefern Windräder oder Photovoltaikanlagen nicht kontinuierlich die gleiche Strommenge. Es macht also Sinn, dass die Waschmaschine dann läuft, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Oder wenn gerade kaum Nachfrage nach Strom besteht, etwa nachts. Dann soll der Strom besonders billig sein.

Digital, aber dumm

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es noch anders aus. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen digitalen Zähler sind noch längst nicht so intelligent wie vielfach vermutet wird, erklärt Bernd Dechert, Geschäftsführer Technik beim ZVEH. Aus Sicht des Verbandes sei dies auch gar nicht sinnvoll. Zwar benötige man einen digitalen Zähler, um die Daten weiterverarbeiten und visualisieren zu können, darüber hinaus sollte der Zähler aber dumm bleiben. Dann könne der Kunde selbst entscheiden, welche Leistungen er in seinem Haus nutzen will und die besten Konzepte würden sich am Markt durchsetzen. Als Steuerzentrale wünscht sich Dechert einen standardisierten Multi Utility Controller (MUC), für den gerade die Normung läuft. Das MUC-Konzept hätte den Vorteil, dass die Verbräuche von Gas, Wärme und Wasser gleich miterfasst werden könnten. Wie sich das Zusammenspiel am Energiemarkt entwickelt, lässt sich im Detail nur schwer vorhersagen. Elektroingenieur Bernd Dechert, glaubt, dass sich in den nächsten fünf Jahren viel bewegen wird.

Mannheim als Modellstadt

Unter der Bezeichnung E-Energy fördert das Bundeswirtschaftsministerium sechs Projekte, die Schlüsseltechnologien und Geschäftsmodelle für ein „Internet der Energie“ entwickeln sollen. In der Modellstadt Mannheim werden ab August 200 Privatkunden des Stromversorgers MVV Energie mit Smart Meter und einem Softwarepaket ausgestattet, um die Wirkung variabler Tarife auszuloten. Voraussetzung ist, dass die Kunden über einen schnellen Internetanschluss verfügen. 2011 sollen weitere 1.500 Abnehmer – dann auch Gewerbekunden – mit der neuen Technologie ausgerüstet werden.

„Das Interesse ist groß. Die 200 Teilnehmer hatten wir schnell beisammen“, sagt Projektleiter Andreas Kießling, der sich eine Win-win-Situation erhofft. Die Kunden können bei der Stromrechnung sparen, der Energieversorger profitiert von einer Lastverschiebung. Neun Partner sind am Projekt Modellstadt Mannheim beteiligt, was die Komplexität intelligenter Stromversorgung verdeutlicht.

Das wirkt sich auch auf das Handwerk aus. „Wir agieren heute nicht mehr als Einzelgewerk, sondern unser Denken und Handeln ist ebenso vernetzt wie die Gebäudetechnik, die wir installieren“, brachte es der Präsident des ZVEH, Walter Tschischka, kürzlich auf den Punkt.


erstellt am 07.05.2010
von  Von Ulrich Steudel
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