Umwelt + Energie -

Volle Deponien Bauschutt: Transporte bis ins Ausland

In Zeiten des Baubooms fallen massenweise Bauschutt und Erdaushub an. Zu wenig davon wird wiederverwendet. Da die Kapazitäten der Deponien schrumpfen, werden Bauabfälle immer weitere Strecken transportiert. Wo die Probleme des Baustoffrecyclings liegen und wie die Politik das ändern kann.

Die Erschließung einer neuen Abfalldeponie dauert im Schnitt zehn Jahre. Da Deutschland als Land gilt, in dem Mülltrennung und Recycling eine große Rolle spielen, müsste man eigentlich davon ausgehen, dass grundsätzlich weniger statt immer mehr Abfall anfällt und neue Anlagen kein Thema sind. Doch weit gefehlt. Die Deponien in Deutschland haben derzeit zu wenige Kapazitäten – vor allem für Abfälle aus der Bauwirtschaft.

Wie erst vor ein paar Monaten bei der Entsorgung von HBCD-haltigen Dämmstoffen, kommt es auch bei mineralischen Bau- und Abbruchabfällen und bei Erdaushub immer wieder dazu, dass Bauunternehmen weite Strecken fahren müssen, um eine Deponie zu finden, die den Abfall annehmen. Mitunter führen die Wege ins Ausland, da dort mehr Kapazitäten und weniger strenge Auflagen für Entsorgung von Bauschutt und Böden vorhanden sind. Dieser Trend könnte sich in Zukunft noch verstärken.

Baumaterial: Weniger Recycling als möglich

Wer in Deutschland über eine Straße geht oder fährt, hat oftmals Recycling-Baustoffe  unter den Füßen bzw. Rädern. Unter den Fahrbahndecken liegen die Reste von abgerissenen Häusern – Wände, Geschossdecken und Betonpfeiler, die aufbereitet zu Recycling-Baustoffen als Frost- und Tragschutzschichten dienen. Eigentlich muss man sagen, sollten sie liegen, denn diese Form der gezielten Wiederverwertung von Baumaterialien findet in der Praxis weit weniger statt als möglich wäre. Vor allem bereits einmal verwendetes Bodenmaterial – z. B. abgetragene Straßen- und Schienendämme oder auch Erdaushub – kommt seit einiger Zeit kaum ein zweites Mal zum Einsatz.

Ressourceneinsatz im Bausektor

Deutschlandweit werden derzeit rund 550 Millionen Tonnen mineralischer Rohstoffe pro Jahr benötigt und verbaut, auf der anderen Seite fallen jährlich ca. 200 Millionen Tonnen mineralische Abfälle an. Bislang konnten bei Baumaßnahmen anfallende Böden, Bauschutt, Straßenaufbruch sowie weitere Bauabfälle zu über 90 Prozent im Stoffstromkreislauf gehalten werden. Nur knapp 17 Millionen Tonnen der knapp 200 Millionen Tonnen mineralischer Abfälle mussten beispielsweise nach Angaben der Landesvereinigung der Bauwirtschaft Baden-Württemberg im Jahr 2012 auf Deponien entsorgt werden. In den letzten Jahren sei jedoch eine besorgniserregende Trendwende insbesondere im Bereich von Böden zu verzeichnen.

Stattdessen bringen es die Bauunternehmen zu den Deponien. Dort wird es einerseits gebraucht, da die Schuttablagerungen und Böschungen mit Bodenmaterial stabilisiert und Deponiestraßen angelegt werden müssen. So bekommt der Boden sogar wieder eine bauliche Funktion und in der Bilanz gilt er als "wiederverwendet" statt "entsorgt". Faktisch liegt er aber auf den Deponien – und diese werden immer voller. 

Mittlerweile sogar bereits so voll, dass der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) davon ausgeht, dass bald ein Bauabfall-Tourismus in Richtung Ausland entstehen wird. "Die Niederlande, Polen und Frankreich nehmen unseren Bauschutt und Böden gerne, die haben praktikablere gesetzliche Abfallvorgaben und zudem noch Platz in den Deponien", sagt Michael Heide vom ZDB. Vor allem die Niederlande wären interessiert an den mineralischen Bauabfällen, die zum Küstenschutz und zur Landgewinnung dienen können.

Bauabfall-Tourismus in Richtung Ausland

Der Grund für den Bauabfall-Tourismus sieht Heide in den hierzulande vergleichsweise strengen Vorgaben für die Recycling-Baustoffe und Böden. Das was an bereits einmal verwendetem Baumaterial wiederverwendet werden soll, darf nur bestimmte Mengen an Schadstoffen enthalten bzw. freisetzen, wenn Regenwasser ins Erdreich und unser Grundwasser hinein hindurchsickert. So wird auch klar, warum es gerade Bodenmaterial so schwer hat, nochmals zum Einsatz zu kommen: Dieselabgase lagern sich darin an, genauso wie Streusalz und Reifenabrieb.

Damit man weiß, wie hoch die Schadstoffkonzentration ist, muss das Material beprobt werden. Für die Wiederverwendung von Böden gelten jedoch andere Parameter mit anderen Grenzwerten als für die Deponierung. Sofern der Bauherr die Bodenuntersuchungen nicht im Vorfeld der Baumaßnahme durchführen lässt, fehlt nach Baubeginn die Zeit, nach Verwertungswegen für die Böden zu suchen. Zumal die einzelnen Beprobungsverfahren oft sehr lange dauern und einen Bauprozess verzögern können.

Eine einmalige Beprobung nach Deponieverordnung und ein  Transport zur Deponie geht schneller – auch wenn der Weg dorthin immer weiter wird, weil die Deponien nicht mehr alles und in jeder Menge annehmen können. Denn die Kapazitäten der Deponien schrumpfen seit Jahren – und das, obwohl es in einigen Abfallbereichen eine Entwicklung zu mehr Müll gibt, der deponiert werden muss – wie auf den Baustellen.

Zwar hat der Gesetzgeber schon seit Jahren mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz vorgebeben, dass möglichst viele Rohstoffe, die auch im Bauabfall stecken, wiederverwendet werden sollen. Durch Verschärfungen der Umweltauflagen gelingt dies jedoch häufig nicht. So ist die Bundesregierung gerade dabei eine Mantelverordnung auf den Weg zu bringen, die unter anderem bundeseinheitliche Vorgaben für den Einsatz von Recyclingbaustoffen und Böden enthält. Derzeit regeln das Landesgesetze und deren Vorgaben im Detail unterschiedlich.

So kommt es bereits jetzt zu einer Art Bauschutt-Tourismus innerhalb Deutschlands. Beispielsweise von Baden-Württemberg nach Bayern,  um Transportwege für eine ordnungsgemäße Entsorgung zu sparen.

Zu viele mineralische Bauabfälle landen auf den Deponien

Durch die neue Mantelverordnung wird es zwar in einigen Bereichen endlich bundeseinheitliche Vorgaben geben – das begrüßen auch das Baugewerbe und die Baustoff-Recycling-Branche. Dass dabei die im europäischen Vergleich strengsten Regelungen zu Buche schlagen sollen, stößt auf Kritik. So würden zukünftig mehr mineralische Bauabfälle deponiert werden müssen statt aufbereitet und wieder eingesetzt werden zu können. Das Bundesumweltministerium (BMUB) geht selbst von steigenden Mengen von rund 13 Millionen Tonnen pro Jahr aus; der ZDB und Bundesgütegemeinschaft Recycling-Baustoffe (BGRB) rechnen mit 50 Millionen Tonnen. Die Investition in eine verbesserte Recyclingtechnik gewinnt somit in Zukunft an Relevanz.

Beispiel: Die neue Ersatzbaustoffverordnung ist Teil der Mantelverordnung. Bisher regeln die Bundesländer, wann welches Bau- und Abbruchmaterial als Unterbau von Straßen wieder eingesetzt werden darf. Ausschlaggebend sind Grenzwerte für verschiedene Schadstoffe, die nicht in die Umwelt gelangen sollen. Doch diese Grenzwerte sind unterschiedlich hoch – in NRW wird beispielsweise bislang die höhere Hintergrundbelastung der Industrieregion in Form etwas höherer Grenzwerte für bestimmte Schadstoffe berücksichtigt.

Als Vorgabe für bundesweite Grenzwerte beruft sich das BMUB auf wissenschaftliche Gutachten, die jedoch in Fachkreisen sehr umstritten sind. Michael Heide berichtet jedoch, dass es bisher keinerlei Untersuchungen gibt, die belegen, dass das Grundwasser überhaupt durch den Einsatz von Recycling-Baustoffen als Unterbau von Straßen belastet wird. Die güteüberwachten Recycling-Baustoffe werden fortlaufend durch staatlich anerkannte Prüfstellen sowohl im Hinblick auf die Einhaltung der technischen Qualität als auch auf ihre Umweltverträglichkeit überprüft.

Umweltschutz zu Lasten von Abfallvermeidung und Ressourcenschonung?

Die BGRB berichtet, dass sie in den letzten drei Jahrzehnten über eine Milliarde güteüberwachte Recycling-Baustoffe vermarktet hat, ohne dass es hierdurch irgendwo Verschlechterungen der  Grundwasserqualität gab. So sehen ZDB und BGRB eigentlich keinen Grund, warum man Grenzwerte dermaßen eng zu Lasten von Abfallvermeidung und Ressourcenschonung ziehen sollte.

Um der Problematik zu entgehen und sich nicht mit Grenzwerten und Schadstoffprüfungen auseinander setzen zu müssen, greifen viele Bauherren deshalb lieber zu Primärrohstoffen, wie Naturkies und Sand und lassen die Finger von Recyclingbaustoffen. Das erlebt auch das Abbruch- und Recyclingunternehmen Max Wild, das sich mit einer Stellungnahme zu der derzeitigen Praxis an die Landespolitik gewendet hat.

Demnach bleiben große Mengen gütegeprüften Bauschutt-Recycling-Materials einfach ungenutzt, obwohl es verglichen mit Primärrohstoffen häufig ein gleichwertiger Baustoff sei Natürliche Ressourcen könnten in der Folge besser geschont werden.

Recycling-Baustoffe in öffentlichen Ausschreibungen keine Pflicht

Laut der Firma Max Wild liegt ein großes Manko derzeit darin, dass Recycling-Material in öffentlichen Ausschreibungen nicht verpflichtend als erste Wahl angegeben werden muss. Nur wenn die gesetzlichen Vorgaben entsprechend geändert werden würden, könne die Häufigkeit der Verwendung gesteigert werden. Es müsste in den Leistungsverzeichnissen der Ausschreibungen zumindest produktneutral ausgeschrieben werden. Recyclingbaustoffe sollten zukünftig Primärrohstoffe im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft bei vergleichbarer Güte ersetzen.

Diesem Vorschlag schließt sich Michael Heide an und verweist auf den mit Unterstützung der Landesregierung und der kommunalen Spitzenverbände veröffentlichten Handlungsleitfaden Recycling-Baustoffe in NRW, der entsprechende Muster- Ausschreibungstexte beinhaltet. Leider halten sich laut BGRB aber viele öffentliche Auftraggeber nicht an diese Vorgaben.

Eine große Hemmschwelle für öffentliche Auftraggeber ist der länderübergreifende noch fehlende Produktstatus für güteüberwachte Recycling-Baustoffe. Die Mantelverordnung sieht zwar erstmals den Produktstatus für Ersatzbaustoffe vor, leider jedoch nur für Recycling-Baustoffe und Böden der jeweils höchsten Umweltverträglichkeitsklasse. Der Rest wird nach bisherigen Erfahrungen der Wirtschaft zu deponieren sein, während das BMUB die nahezu vollständige Verwertung dieser Abfälle in Baumaßnahmen unterstellt. Dies ist laut ZDB realitätsfern, weshalb der Verband und der BGRB einen Anstieg der Deponierung um jährlich 50 Millionen Tonnen befürchten.

Diese Mehrmengen werden die Deponieräume sehr rasch erschöpfen und innerhalb weniger Jahre zu einem Entsorgungschaos führen, befürchtet Heide. Deshalb appellieren ZDB und BGRB, die Mantelverordnung nachzubessern und zumindest alle Ersatzbaustoffe als Bauprodukte anzuerkennen.

Folgen Sie der Autorin auf Twitter

Folgen Sie Jana Tashina Wörrle auf Twitter @JanaTashina

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2017 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare

Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

* = Pflichtfelder. Bitte ausfüllen