Jugendarbeitslosigkeit bei den einen und Fachkräftemangel bei den anderen. Der europäische Arbeitsmarkt steht vor großen Herausforderungen. Dabei können die Länder voneinander profitieren. Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt Lehrlinge und Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland. In Zukunft möchte sie verstärkt mit dem Handwerk zusammenarbeiten. Betriebe zeigen Interesse. - Von Jana Tashina Wörrle
Carmen Harrer ist glücklich. Momentan hat sie zwei Azubis angestellt, die richtig motiviert sind und Spaß an der Arbeit haben. "Im Dachdeckerhandwerk wird es immer schwieriger Lehrlinge zu finden, die den harten Job auch auf Dauer machen wollen", sagt die Unternehmerfrau aus Neckartailfingen bei Stuttgart. Bei jedem Wetter draußen zu arbeiten und dabei auch richtig anpacken zu müssen, das schrecke viele ab. "Wir haben sechs Mitarbeiter und zwei Meister, da könnten wir immer zwei Lehrlinge beschäftigen", sagt Harrer. Doch in den vergangenen Jahren hatte der Dachdeckerbetrieb oft gar keinen Azubi oder nur einen.
Obwohl dieses Jahr für das baden-württembergische Unternehmen ein Glücksfall war und die Lehrlingsstellen beide besetzt sind, denkt Carmen Harrer schon intensiv über die Zukunft nach. Die Prognosen geben ihr Recht. Der Nachwuchs- und Fachkräftemangel im Handwerk wird noch zunehmen, denn die Schülerzahlen sinken. Schon jetzt suchen viele Betriebe vergeblich nach Lehrlingen. 15.000 Ausbildungsplätze waren Ende August 2012 noch unbesetzt. Harrer überlegt deshalb, die Stellen europaweit auszuschreiben und auch im Ausland nach Nachwuchs zu suchen.
"Bei jedem Azubi muss man von vorne anfangen und die Grundlagen erklären", sagt die Unternehmerfrau. Einzig die Sprache könnte zum Problem werden, denn Spanisch oder Polnisch spricht sie nicht. Dafür aber einen breiten schwäbischen Dialekt. "Da müssen wir eben alle üben", sagt sie und lacht. Dass der Aufwand für den Betrieb trotzdem etwas höher sein wird, wenn neben der beruflichen auch ein wenig private Integration dazukommt, schreckt sie nicht ab. "Wir hatten auch schon einen Azubi aus Berlin, für den haben wir auch erst einmal eine Wohnung gesucht", erzählt Harrer selbstbewusst. Solange dann eine gute Zusammenarbeit entstehe, seien sie und ihr Mann, Dachdeckermeister Ralf Harrer, zufrieden.
Eine solche Zusammenarbeit unterstützt auch die Bundesagentur für Arbeit mit ihrer Dienststelle, "Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)". Die ZAV ist in der internationalen Arbeitsvermittlung aktiv. Lag der Fokus bei der Vermittlung von Fachkräften nach Deutschland anfangs vor allem auf Akademikerberufen wie Ingenieuren und Mediziner, so haben die Vermittler nun auch Dienstleistungs- und gewerbliche Berufe ins Auge gefasst. Seit kurzem auch Nachwuchs- und Fachkräfte für das Handwerk.
"Der Fachkräftemangel ist auf jeden Fall ein Thema, das für Handwerksbetriebe in Zukunft wichtiger wird", erklärt die Sprecherin des ZAV, Beate Raabe. Sie spürt die steigende Nachfrage momentan vor allem aus dem Metall- und Elektrobereich. Doch auch in anderen Branchen sollten sich die Betriebe langfristig ein Konzept überlegen, wie sie ihren Personalbedarf sichern. Warum also die Stellen nicht europaweit ausschreiben. Die Bürger Europas haben das Recht auf Freizügigkeit in der Wahl ihres Arbeitsortes, Mobilität der Arbeitnehmer ist problemlos möglich.
"Arbeitgeber, die offene Stellen zu bieten haben, sind ja meist in Kontakt mit dem Arbeitgeberservice der örtlichen Arbeitsagentur", sagt Raabe. Dort könnten sie auf Wunsch an die ZAV weitervermittelt werden. Die Mitarbeiter der ZAV arbeiten schon jetzt mit den Arbeitsverwaltungen der anderen Länder zusammen und sprechen auch direkt vor Ort im Ausland mit den Jugendlichen und interessierten Bewerbern. Bei Bedarf können sie dann Jugendliche und Fachkräfte an die Betriebe in Deutschland vermitteln.
Dabei geht die ZAV vor allem in solche Länder, in denen aufgrund hoher Arbeitslosigkeit ein entsprechendes Bewerberpotenzial besteht. Das ist derzeit in den Krisenländern Südeuropas der Fall. Besonders gute Erfahrungen hat die ZAV nach eigenen Angaben in Spanien gemacht. Bisher hat sie in diesem Jahr 87 neue Mitarbeiter aus dem südeuropäischen Land für deutsche Firmen gewonnen. 57 von ihnen waren Ingenieure. Aus Griechenland und Portugal kamen vor allem Ärzte und Pflegekräfte. Aber auch aus Osteuropa fanden einige Arbeitnehmer ihren Weg in deutsche Unternehmen.
Nun wird das Handwerk in den Fokus genommen. "Die Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben beginnt gerade erst, aber die Nachfrage nimmt zu", sagt Beate Raabe. Um mit der ZAV zusammenzuarbeiten, müssen die interessierten Betriebe ein genaues Stellenprofil erarbeiten und beschreiben, welche Qualifikationen der Bewerber mitbringen sollte. "Je mehr Mühe sich der Arbeitgeber gibt und je genauer er die anfallenden Aufgaben erklärt, desto leichter kann ein Bewerber sich vorstellen, was ihn erwartet", sagt die ZAV-Sprecherin. Unterstützung geben die Berater der Arbeitsagentur und der ZAV.
Betriebe, die an einer Kooperation interessiert sind und Bewerber aus dem Ausland aufnehmen wollen, sollten sich aber auch mit dem Thema Integration auseinandersetzen, rät Raabe. "Da treffen manchmal unbekannte Welten aufeinander, die sich erst kennenlernen müssen", sagt sie. So gehe es – wie Carmen Harrer schon angesprochen hat – vor allem um die Sprache und um Hilfe bei der Unterbringung und anfänglichen Eingliederung vor Ort. Aber auch hierbei bekommen Handwerksbetriebe Unterstützung.
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