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Lebensversicherungen: Experten warnen vor überhasteten Kündigungen Altersvorsorge: Wunsch nach Sicherheit ist ungebrochen

Haben Lebensversicherungen ausgedient? Neue Abschlüsse lohnen sich meist nicht, aber Experten warnen vor überhasteten Kündigungen.

Seit zehn Jahren zahlt Peter Müller jeden Monat 200 Euro an seinen Lebensversicherer. Als er den Vertrag abschloss, warb die Branche mit 2,75 Prozent garantierten Zinsen und Überschussbeteiligungen. Seitdem sinken die Mindestverzinsungen. Anstelle von Überschüssen fahren Versicherer Verluste ein. Diese Prognosen sind dem Schreiner zu schlecht. Müller möchte mehr für sein angespartes Geld.

Finanzplaner Markus Sobau schlägt ein Wertpapierdepot auf Fondsbasis vor. Doch Vorsicht. Bis zum Jahr 2004 geschlossene Verträge sollten Handwerker laut Verbraucherschützer Niels Nauhauser nicht kündigen. Versicherer seien an gemachte Zusagen – etwa drei Prozent Zinsen und Schlussboni – gebunden. Dazu bringen alte Policen steuerliche Vorteile mit sich.

Eine Kündigung sollte genau ­durchkalkuliert werden

Nauhauser leitet die Abteilung Altersvorsorge bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Wer mit dem Gedanken spielt, seine Versicherung aufzulösen, muss rechnen", erklärt er. In den ersten Jahren nach Abschluss sei der Rückkaufwert niedriger als die eingezahlte Summe. "Schuld daran sind Abschluss- und Verwaltungskosten, die von den monatlichen Beträgen abgezogen werden", so Nauhauser. Rendite-Rechner gebe es im Internet. Doch die Kalkulation ist kompliziert. Im Zweifelsfall helfe ein Berater beim Durchrechnen.

Neuanlegern rät Nauhauser von Lebensversicherungen ab. Inflation und Gebühren fressen den Garantiezins von 1,25 Prozent auf. Wertpapierdepots seien rentabler. Daneben sei die Perspektive der Versicherungen aufgrund anhaltender Niedrigzinsen an den Kapitalmärkten ungünstig. "Viele Anbieter senken ihre Prognosen von Jahr zu Jahr", bestätigt Sobau, der seit mehr als 25 Jahren Handwerker berät.

Anzahl Lebensversicherungen 2014

Deutsche Versicherer stabil aufgestellt

Ulrich Leitermann, Vorstandsvorsitzender der Signal Iduna, sieht die Situation weniger dramatisch. Deutsche Versicherer seien breit und stabil aufgestellt. "Wir können den Verpflichtungen und Garantieversprechen gegenüber unseren Kunden auf absehbare Zeit nachkommen", verspricht er. Allerdings komme die Niedrigzinspolitik einer Enteignung der Sparer gleich. Momentan hält Signal Iduna 1,7 Millionen Lebensversicherungsverträge. Die Nachfrage sinke aber. "Das ist gefährlich", so Leitermann. Er sieht die private Altersvorsorge in Gefahr: "In Zeiten niedriger Zinsen sollten wir mehr, nicht weniger Rücklagen bilden."

Deshalb hat Signal Iduna inzwischen Fonds im Portfolio. Dabei gibt der Versicherer Einzahlungen an Finanzprofis weiter, die damit am Kapitalmarkt agieren. Jeder kann Leitermann zufolge selbst festlegen, wie er investieren möchte. Eher risiko- und renditeorientiert oder mit einem hohen Sicherheitsfaktor. Doch falle auf: Der Wunsch nach einer stabilen Altersvorsorge ist ungebrochen. "Mehr als 90 Prozent unserer Anleger haben im vergangenen Jahr die volle Beitragsgarantie gewählt", berichtet der Vorstandsvorsitzende.

"In Zeiten niedriger Zinsen sollten wir mehr, nicht ­weniger Rücklagen bilden." Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann


Schreiner Müller wünscht sich Erhalt und Sicherheit seines ­Vermögens. Deshalb rät Markus Sobau zu einem konservativen Investmentfondsdepot. Dieses setzt sich aus unterschiedlichen Misch- und Rentenfonds zusammen. Denn: Eine breite Streuung hält das Risiko gering. Für Betriebsinhaber, die eine höhere Rendite anstreben, komme ein ausgewogenes oder dynamisches Depot in Frage. Der Aktienanteil steigt und damit die Chance auf Erträge. Gleichzeitig nimmt aber die Verlustgefahr durch Kursschwankungen zu.

Berater wie Sobau empfehlen Depots ohne Ausgabeaufschläge oder Agio. Die Hausbank verlange oft Aufschläge von drei bis fünf Prozent. "Bei einer Anlage von mehr als 200.000 Euro sind das 10.000 Euro, die das Depot zusätzlich erwirtschaften muss", berechnet der Finanzmann. Dazu kommen laufende Gebühren und Kosten bei Änderungen. Diese könne sich Schreiner Müller sparen. Nach Inflation und Steuern würde sein Kapital durchschnittlich drei bis vier Prozent Rendite erwirtschaften, verdeutlicht Sobau. Für die laufende Betreuung des Depots verlangen Berater üblicherweise ein Jahreshonorar, das sich auf 0,5 bis ein Prozent der Einlage beläuft.

Vor der Geldanlage Schulden begleichen

Kredite und Darlehen kosten meist mehr Zinsen, als die gleiche Summe als Geldanlage erwirtschaftet. Deshalb gilt: Erst Schulden tilgen, dann Vermögen aufbauen. Handelt es sich um Betriebsschulden, ist Rechnen angesagt. Denn Zinsen für Kredite lassen sich von der Steuer absetzen.
Bleibt zu viel übrig, kann eine Sondertilgung trotzdem sinnvoll sein. „Am besten mit dem Steuerberater verschiedene Szenarien durchgehen“, lautet der Tipp von Verbraucherschützer Nauhauser.

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