Lebenswege -

Familienunternehmen seit 1739 Alt und beständig wie ein Baum

Die Schreinerei Speidel ist seit 276 Jahren in Familienbesitz. Ein stolzes Alter. Gute Mitarbeiter, Arbeitsteilung und eine besondere Liebe gaben den Ausschlag.

Speidel Innenausbau
Die Liebe zum Holz steckt in den Genen. Zwei Generationen leiten derzeit das Unternehmen: Thomas Speidel, Horst Speidel, Melanie Speidel und Wolfgang Schmid (von links) mit der Urkunde zum 275-jährigen... -

"Der Baum bleibt." Emma Speidel sprach 1946 ein Machtwort. Im Zuge der Errichtung eines neuen Werkstattgebäudes der Schreinerei Speidel sollte der Obstbaum vor dem Wohnhaus einer Überdachung für die Bandsäge weichen. Doch das war nicht im Sinne der Hausherrin. "Meine Mutter hat nicht erlaubt, dass der Obstbaum gefällt wurde", sagt Horst Speidel und schmunzelt. Also habe man das Dach eben um den Baum herum gebaut.

Für seinen Vater Ernst Speidel kein Problem. Hatte er doch lange auf den Bau der neuen Werkstatt im schwäbischen Weil im Schönbuch gewartet. Wegen ihrer beeindruckenden Ausmaße von 25 auf zehn Meter hatte sie in dem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart schon für Aufsehen gesorgt. Bereits 1934 hatte der Schreinermeister ein Wohnhaus und Fläche für sein Vorhaben gekauft.

"Die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital, sonst ­gäbe es uns nicht so lange." Juniorchef Thomas Speidel

Zu jener Zeit hatte die Schreinerei aber schon eine immerhin 195-jährige Geschichte hinter sich und eine ebenso bewegte vor sich. Im vergangenen Jahr feierte das Unternehmen das höchst seltene 275-jährige Bestehen.

Schwarz auf weiß steht das stolze Gründungsdatum in der Stuttgarter Handwerksrolle geschrieben. Am 23. Februar 1739 gründete Glasermeister Christoph Friedrich Speidel den Handwerksbetrieb in Weil im Schönbuch. Seitdem ist das Unternehmen in Familienbesitz und wird von Generation zu Generation fortgeführt. Heute arbeiten die siebte und die achte Generation Hand in Hand zusammen. Die Liebe zum Werkstoff Holz scheint in der Familie Speidel fest in den Genen verankert zu sein.

Bei Schreinermeister Thomas Speidel und Architektin Melanie Speidel ist das jedenfalls so. Das Erbe haben sie von ihren Vätern Willi und Horst Speidel mitbekommen. Doch der Erfolg des Betriebs beruht auch auf einem anderen Faktor. „Bei uns kümmert sich jeder um einen eigenen Bereich“, verrät Horst Speidel das Rezept für das gut funktionierende Familienunternehmen.

"Königlich Württembergischer Hofschreiner"

Dritter Faktor sind die Mitarbeiter. "Die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital, sonst gäbe es uns nicht so lange", stellt Juniorchef Thomas Speidel fest. Die vielen langjährigen Beschäftigten des 15-köpfigen Teams, die zum Teil seit 40 Jahren der Firma die Treue halten, beweisen das harmonische Betriebsklima.

Spezialisiert in den Bereichen Innenausbau, Messebau, Küchenberatung und -montage sowie in der Türen- und Fensterherstellung ist der Name Speidel schon seit Jahrzehnten über den Schönbuch hinaus ein Begriff.

Dass sich die Handwerkstradition lückenlos durch die Familiengeschichte zieht, belegt Horst Speidel mit einer Kopie aus dem örtlichen Kirchenbuch. Nach Glasermeister Christoph Friedrich Speidel, der aus Hagelloch kommend 1739 den Betrieb gründete, folgten dessen Sohn, Enkel und Urenkel: Glasermeister Adam Speidel (1784–1832), Schreiner- und Glasermeister Johann Jakob Speidel (1824–1893) und Schreinermeister Gottlob Jakob Speidel (1876–1963).

Ab und zu kleine Löschaktionen hinter der Hobelbank

Im Ausstellungsraum ist die Betriebsgeschichte dokumentiert. Eine Aufnahme zeigt den Großvater der heutigen Geschäftsführer, Jakob Speidel, mit Rauschebart und Pfeife, der noch bis ins hohe Alter gerne in die Werkstatt kam. "Die Pfeife hatte er immer in Gebrauch – auch in der Werkstatt. So kam es ab und an zu kleinen Löschaktionen hinter der Hobelbank", erinnert sich Horst Speidel amüsiert.

Ein kunstvoller Meisterbrief aus dem Jahre 1905 dokumentiert zudem den ehrenwerten Titel des Großvaters, der als "Königlich Württembergischer Hofschreiner" damals die Aufgabe hatte, die königliche Jagdhütte im Schönbuch instand zu halten. Es sind nette Anekdoten wie diese, die Horst und Willi Speidel gerne ihren Kindern und Enkeln erzählen und auf diese Weise die Familiengeschichte lebendig halten.

Neue Werkstatt entsteht erst nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Bau der neuen Werkstatt konnte dann – wie eingangs erwähnt – erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tat umgesetzt werden – erschwert durch die Zeiten des Tauschhandels. "1948 konnte mein Vater den Betrieb wieder aufmachen." Dies sei der eigentliche Startschuss für das heutige Unternehmen gewesen, erklärt Horst Speidel. 1968 sei erst sein Bruder Willi Speidel und 1975 – drei Jahre nach dem frühen Tod des Vaters – dann er selbst in den Betrieb eingetreten. "Wir hatten damals beide den Meistertitel und den Techniker in der Tasche."

Vor Innovationen scheuten sich weder Vater noch Söhne. Weil das Geschäft dank der Stuttgarter Oberpostdirektion schon früh florierte, musste der Betrieb 1954 und 1964 nochmals vergrößert werden. 1971 kam außerdem noch eine betriebseigene Schlosserei hinzu. "Ich habe mich neben dem Schreinerhandwerk immer schon für die neueste technische Entwicklung interessiert", so Horst Speidel, der heute zusammen mit seiner Tochter Melanie die Küchensparte der Firma leitet.

Beste Voraussetzungen für die Zukunft

Das stetig erweiterte Leistungsspektrum und die modernen Maschinen erforderten 263 Jahre nach Betriebsgründung schließlich einen erneuten Standortwechsel. Im Jahr 2002 konnte Familie Speidel einen mehr als 2.000 Quadratmeter großen Neubau am Ortsrand von Weil im Schönbuch beziehen. "Das war für uns damals ein riesen Kraftakt, auch finanziell“, resümiert der Seniorchef. "Aber wir haben es nicht bereut."

Neue Maschinen, wie die Plattensäge, mit der knapp 17 Quadratmeter große Platten maßgenau zugeschnitten werden können, oder aber die Kantenleimmaschine, die per Laserkante eine so genannte "Null-Fuge" herstellt, und neue Ideen brauchen Platz. Für die achte Generation des Familienunternehmens, Thomas und Melanie Speidel, sind das beste Voraussetzungen für eine zukunftsträchtige Weiterentwicklung des Betriebs.

Und auch ein neuer Obstbaum, ein Geschenk der Schreiner-Innung Böblingen zum stolzen Firmenjubiläum, hat seinen festen Platz auf dem heutigen Betriebsgelände gefunden.

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